Es war in der letzten Kolumne noch Thema: Dieser WM-Modus 2026 ist so großzügig gestrickt, dass man sich als etabliertes Fußballland eigentlich schon anstrengen müsste, um wirklich rauszufliegen. 48 Teams, 12 Gruppen, 32 Plätze in der K.o.-Runde – von denen gehen drei auf die besten Gruppendritten. Kurzum: Man muss schon wirklich schlecht spielen, um nicht weiterzukommen. Die Türkei nickt. Und fährt nach Hause.
Zwei Spiele, null Punkte, null Tore, null Weiterkommen. Das ist eine Leistung, die man angesichts der Turnierbedingungen erst einmal hinbekommen muss. Gegen Australien gab es eine 0:2-Niederlage – bei 28 Torschüssen. Gegen Paraguay dann ein 0:1 – bei 33 Torschüssen. Selten hat eine Mannschaft das Tor mit so viel Enthusiasmus gesucht und dabei so konsequent einen großen Bogen darum gemacht. Arda Güler, Superstar von Real Madrid und Hoffnungsträger der Nation, war durchaus präsent – nur eben in einer Parallelwelt, in der Tore keine Rolle spielen.
24 Jahre gewartet – und dann das
Man muss den Kontext kennen: Die Türkei war 24 Jahre lang nicht bei einer WM dabei. Ein Vierteljahrhundert voller Sehnsucht, Qualifikationsdramen und dem Traum, endlich wieder auf der großen Bühne zu stehen. Dann ist es endlich so weit – und der Abend endet nach 68 Sekunden, als Paraguays Matías Galarza trifft und de facto das Turnier für die Türkei beendet. Das ist weniger Fußball-Märchen als Fußball-Kafka.
Trainer Vincenzo Montella, der das Team immerhin zur Qualifikation geführt hatte, dürfte nun sehr viel Zeit haben, über seine Zukunft nachzudenken. Die Spieler entschuldigten sich öffentlich beim Land. Die türkische Presse sprach von einem "Albtraum". Auf dem Papier war die Türkei als Geheimfavorit ins Turnier gegangen. Auf dem Rasen war von Geheimnis nichts, von Favorit noch weniger zu sehen.
Das Gute daran – für Deutschland
Und jetzt, mit dem gebührenden Augenzwinkern, das an dieser Stelle erlaubt sein muss: Wer in deutschen Städten lebt und die türkische Community kennt, der weiß, dass ein Weiterkommen der Türkei klassisch mit ausgedehnten Autokorsos gefeiert wird – hupend, flaggenschwingend und lautstark. All das bleibt uns diesmal erspart. Die deutschen Innenstädte können vorerst aufatmen. Der großzügigste WM-Modus aller Zeiten hat eine Hintertür für jeden – die Türkei hat sie von innen verriegelt.
von Marc Basten

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