Die Saison 2025/2026 von Joe Scally war ein Spiegel der Diskussionen, die seit Jahren um ihn geführt werden. Einerseits kommt der US-Amerikaner mit seiner Polyvalenz dem Trainerteam entgegen, andererseits sorgt seine schwankende Performance dafür, dass ein Teil der Anhängerschaft ihn kritisch sieht. Scally startete solide, aber mit erkennbarer Luft nach oben in die Spielzeit. Sein unermüdlicher Einsatz und seine Laufbereitschaft wurden zwar regelmäßig hervorgehoben, doch in der letzten Konsequenz mangelte es häufig an Präzision – insbesondere bei Flanken und Offensivaktionen.
Ein erster markanter Tiefpunkt der Hinrunde war das Gastspiel bei Union Berlin am 7. Spieltag. Scally wirkte defensiv völlig überfordert, agierte desorientiert und war an allen Gegentoren unmittelbar beteiligt, was folgerichtig in einer 5,0 in der Einzelkritik mündete. Solche Auftritte nähren die Wahrnehmung, er stagniere in seiner Entwicklung und wiederhole zu oft die gleichen, vermeidbaren Fehler. Umso bemerkenswerter war, dass Scally seine stabilste Phase der Hinrunde ausgerechnet dann hatte, als er am 11. Spieltag als rechter Innenverteidiger aushelfen musste. In dieser für ihn ungewohnten Rolle überzeugte er mit Abgeklärtheit und Zweikampfstärke (Note 2,5) und zeigte, warum Trainer trotz aller Kritik nur ungern auf ihn verzichten.
Mal Sicherheitsrisiko, mal verlässlicher Faktor
Nach der Winterpause geriet Scally zunächst in eine schwierige Phase, in der sich die Diskussionen um seine Person weiter anheizten. Besonders der 19. Spieltag gegen Stuttgart brannte sich ein: Erst leitete er mit einer unglücklichen Brustklärung ein Gegentor ein, später fälschte er den Ball mit dem Rücken zum Endstand ins eigene Netz ab (Note 5,0). Solche Slapstick-Momente verstärken das Bild des fehleranfälligen Dauerbrenners, der immer spielt, aber nicht immer überzeugt. Gleichzeitig setzte Scally in dieser Zeit auch offensive Akzente – sein erster Saisontreffer gegen Augsburg am 16. Spieltag war das Resultat einer sehr offensiv interpretierten Schienenspieler-Rolle, in der er Spielfreude, Mut und Zug zum Tor zeigte.
Im letzten Saisondrittel blieb Scally ein Sinnbild für die Inkonstanz der Mannschaft – mal Sicherheitsrisiko, mal verlässlicher Faktor. Gegen Leipzig am 29. Spieltag hatte er erneut große Probleme mit gegnerischen Finten, wirkte in der Defensive anfällig und kassierte abermals die Note 5,0. Kurz darauf folgte jedoch der zweite Saisontreffer gegen Mainz, bei dem er seinen Offensivdrang und seine Bereitschaft, weite Wege zu gehen, in Zählbares ummünzte. Seine beste Saisonleistung lieferte er schließlich am 32. Spieltag gegen Dortmund ab: Auf der für ihn ungewohnten linken Schiene verlieh er der Offensive enormen Schwung, agierte defensiv „erwachsen“ und wurde mit einer 2,0 bewertet – ein Auftritt, der zeigte, welches Niveau in ihm steckt, wenn Timing und Konzentration stimmen.
Dauerbrenner mit eingebauter Volatilität
Zum Abschluss der Saison agierte Scally als Rechtsverteidiger in einer Viererkette, einer Rolle, die ihm sichtbar besser lag als die extrem laufintensiven Schienenpositionen. In dieser klassischen Außenverteidigerrolle konnte er seine vorbildliche Laufbereitschaft und seinen Einsatzwillen einbringen, ohne permanent im höchsten Risiko-Bereich agieren zu müssen. Zwar blieben kleinere Unsauberkeiten in der Antizipation und im Stellungsspiel nicht aus, doch insgesamt wirkte er in diesem System geordneter und konstanter.
Die statistische Bilanz unterstreicht seinen Status als Dauerbrenner mit eingebauter Volatilität. Scally wurde in 29 Spielen benotet, und verpasste nur eine Partie aufgrund einer Gelbsperre. Seine beste Bewertung (2,0) stammt aus dem starken Auftritt gegen Dortmund am 32. Spieltag, während viermal die 5,0 (7., 17., 19. und 29. Spieltag) seine Aussetzer dokumentieren. Mit einer Durchschnittsnote von 3,74 rangiert er im soliden, aber fehleranfälligen Bereich – ein wichtiger Kaderbaustein, dessen Beitrag durch die Formschwankungen relativiert wird.
Rollenrotation erschwert die individuelle Entwicklung
Unterm Strich bleibt Joe Scally eine der Figuren, an denen sich die Geister scheiden. Sein Einsatzwillen, seine Robustheit und seine enorme Flexibilität – ob als Rechtsverteidiger, als linker oder rechter Schienenspieler oder sogar in der Innenverteidigung – machen ihn für die Trainer nahezu unverzichtbar. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass diese ständige Rollenrotation seine individuelle Entwicklung auf einer klar definierten Stammposition erschwert. Sollte sich ein Wechsel in diesem Sommer zerschlagen (sein Vertrag läuft noch ein Jahr), wird es entscheidend sein, seine unbestrittene Mentalität und Laufbereitschaft auf einer festen Position mit mehr Konstanz in der Entscheidungsfindung und einer höheren Präzision im letzten Drittel zu verbinden.
von Marc Basten

