Testspiel mit Erkenntniswert
Testspiele in einer Länderspielpause sind meistens reine Beschäftigungstherapie für die Spieler, um sie ein wenig im Rhythmus zu halten. Die Partie von Borussia Mönchengladbach beim FC St. Pauli am vergangenen Samstag stand jedoch unter anderen Vorzeichen: Der neue Trainer Alexander Blessin konnte sich erstmals richtig ein Bild von seiner neuen Mannschaft machen. Die Tiefe der Problematik wird ihm dabei deutlich vor Augen geführt worden sein.
Mit einer weitestgehend improvisierten Abwehrkette kamen die Gladbacher ganz ordentlich ins Spiel und setzten die Vorgaben durchaus ansprechend um. Sie attackierten früh, hatten einige hohe Ballgewinne und waren sehr aktiv. Nach einer Standardsituation gingen sie durch das Kopfballtor von Kleindienst auch verdientermaßen in Führung. Danach jedoch wurden sie sukzessive passiver und zeigten jene Schwächen, die sie über einen Großteil der Rückrunde und in den ersten vier Ligaspielen der neuen Saison offenbart haben.
Zu wenig Intensität
Hinsichtlich der Aggressivität wie auch der Dynamik konnten sie sich keinen Vorteil gegenüber dem Zweitligisten erarbeiten. Ein Bemühen war den Spielern erneut nicht abzusprechen, aber die Ausführung ließ einmal mehr zu wünschen übrig. Damit ist auch klar, dass es nicht genügt, wenn ein neuer Trainer gewisse Verhaltensweisen einfordert. Bis sie auf dem Platz tatsächlich sichtbar werden, ist sehr viel Arbeit notwendig. Und gleichzeitig stellt sich die große Frage, ob die Spieler von ihren individuellen Qualitäten her überhaupt in der Lage sind, die geforderte Intensität in einem Bundesligaspiel über 90 Minuten abzurufen.
Insofern wird Alexander Blessin an seiner alten Wirkungsstätte St. Pauli einige grundlegende Erkenntnisse gewonnen haben. Möglicherweise wird er sein aktives und forderndes Konzept etwas abfedern, um die dringend notwendige Stabilität im Gefüge herzustellen. Das würde bedeuten, dass hohes Anlaufen und ein auf Balleroberung ausgelegtes, aggressives Spiel zwar situativ Stilmittel sein können, aber nicht die grundsätzliche Herangehensweise. So dürfte es vor allem darum gehen, eine tiefe Kompaktheit zu gewährleisten, wobei zu bezweifeln ist, ob dies mit Neuhaus und Stöger als Doppelsechs zu leisten ist.
Führungsspieler gesucht
Hinzu kommt, dass Borussia weiterhin zu wenig Spieler auf dem Platz hat, die Führungsaufgaben übernehmen können. Das gilt ebenso für die Neuzugänge, die sich in dieser Beziehung nicht aufdrängen. Auch Yukhym Konoplia, der nach seiner Verletzungspause verständlicherweise noch Anlaufzeit benötigt, hinterlässt nicht den Eindruck, als ob er eine tragende Rolle im Team übernehmen könnte. Spieler wie David Herold oder Isac Lidberg wirken allenfalls als Mitläufer, aber nicht als Spieler, an denen sich andere aus- und aufrichten könnten.
Von der großen »Japan-Fraktion« im Kader scheint dafür auch niemand infrage zu kommen. Daher muss erneut die Qualitätsfrage gestellt werden. Womöglich wird Blessin bei seinen Planungen noch ein oder zwei Schritte zurückgehen müssen, um wirkliche Stabilität in die Mannschaft zu bekommen.
Viel Arbeit vor dem Derby
In der letzten Trainingswoche vor dem Derby in Köln steht noch eine ganze Menge Grundlagenarbeit an. Denn nach den Eindrücken vom Testspiel in Hamburg wird Borussia am Sonntag in Müngersdorf so nichts mitnehmen können.
von Marc Basten

