Manche Muster erkennt man einfach wieder, egal auf welcher Ebene des Fußballs sie sich abspielen. Gladbach-Fans kennen das Szenario zur Genüge: Der Mannschaft gelingt in einem engen Spiel die Führung, wirkt kurz wie der bessere Teil – und bricht dann nach hinten heraus komplett ein. Kein Ballbesitz mehr, kein Zugriff auf den Rhythmus des Gegners, am Ende die schmerzhafte Niederlage. Genau dieses Drehbuch hat England im WM-Halbfinale gegen Argentinien eins zu eins nachgespielt.
Es war ein hartes, unangenehmes Spiel, wie man es von K.o.-Duellen auf höchstem Niveau erwartet. England ging im zweiten Durchgang etwas glücklich in Führung und tat danach das, was schon so viele Gladbach-Mannschaften in ähnlichen Situationen getan haben: Man zog sich zurück und verwaltete den Vorsprung, statt nachzusetzen, Ballbesitz zu kreieren oder den aufgerückten Gegner auszukontern – und wurde am Ende durch zwei späte Argentinien-Tore verdient aus dem Turnier geworfen.
Körperliche und geistige Schwerfälligkeit der Engländer
Bemerkenswert war dabei nicht nur die taktische Passivität, sondern die körperliche und geistige Verfassung der Engländer. Spätestens nach der Trinkpause in Halbzeit zwei wirkten sie so schwerfällig, dass die Argentinier praktisch ungestört einen Angriff nach dem anderen aufziehen konnten. Das zweite Gegentor brachte diese Wehrlosigkeit auf den Punkt: England war in Ballnähe in Überzahl, aber es sah aus, als hätte niemand mehr die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Man könnte fast mutmaßen, die Argentinier hätten während des Hydration-Breaks etwas in die Getränke gemischt – so drastisch war der körperliche Einbruch.
Am Ende bleibt festzuhalten: Thomas Tuchel hat sich mit seinen taktischen Entscheidungen verzockt, und den Engländern fehlte nicht nur der letzte Tick Qualität, sondern ganz offensichtlich auch die Physis, um sich in der Crunch-Time eines WM-Halbfinales zu behaupten. Für Gladbach-Fans mag das ein kleiner, bitterer Trost sein: Selbst auf der größten Bühne des Weltfußballs passieren Dinge, die man aus der eigenen Bundesliga-Realität nur zu gut kennt.
von Marc Basten

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