Es ist ein eigenartiges Gefühl, eine Weltmeisterschaft zu verfolgen, bei der die deutsche Mannschaft nur noch als Randnotiz in der Chronik vorkommt. Deutschland ist raus, und mit dem Ausscheiden fehlt dem Turnier hierzulande eine wichtige Komponente – nicht zwingend für den fußballinteressierten Betrachter, wohl aber für die breite deutsche Öffentlichkeit und ihren gewohnten Hype. Die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist merklich gesunken, was bei nächtlichen Anstoßzeiten und einer sportlich enttäuschenden DFB-Vorstellung wenig überrascht.
Und doch, wer durchhält und sich durch die verbleibenden Partien hangelt, wird belohnt. Da ist zum Beispiel Kap Verde, das mit seinem Überraschungslauf genau die Geschichten liefert, für die man Weltmeisterschaften überhaupt schaut – kleine Fußballnationen, die sich gegen alle Erwartungen behaupten. Solche Erzählungen sind das Salz in der Suppe eines Turniers, das ansonsten oft von den immer gleichen Favoritenkonstellationen dominiert wird.
Drama in Reinform und wilde Treterei
Auf der anderen Seite steht Drama in Reinform: Kroatien gegen Portugal war ein Spiel, wie man es sich für eine K.o.-Runde wünscht – wechselhaft, nervenaufreibend, bis zur letzten Minute offen. Genau solche Partien rechtfertigen das stundenlange Sitzen vor dem Fernseher, unabhängig davon, ob das eigene Land noch im Turnier vertreten ist.
Weniger erfreulich war dagegen die Begegnung zwischen Paraguay und Frankreich. Wer robusten, sehr unsympathischen Kampffußball nicht mag, hatte hier wenig zu lachen. Solche Spiele erinnern daran, dass eine WM nicht nur aus großem Fußball besteht, sondern auch aus zähen, manchmal unschönen Schlachten, die man eher aussitzen als genießen muss.
Die Inszenierung nervt mehr als das Turnier selbst
Was bei der ganzen sportlichen Betrachtung zunehmend stört, ist die mediale Verpackung. Die TV-Übertragungen wirken trotz der ganzen Schreihälse auf den Kommentatorenplätzen über weite Strecken ermüdend – zu viel Promi-Spotting auf den Tribünen, zu viele inszenierte Jubelbilder von Zuschauern, die in keinem erkennbaren Verhältnis zum tatsächlichen Spielgeschehen stehen. Es entsteht der Eindruck eines überzüchteten Events, bei dem die Show wichtiger genommen wird als der Sport selbst. Gerade in Momenten, in denen auf dem Platz wenig passiert, wirkt diese Dauerbeschallung mit Zuschauerreaktionen fast schon deplatziert.
Ohne die zumindest unterschwellige emotionale Bindung an ein deutsches Team lässt sich das Turnier inzwischen mit einer gewissen abgeklärten Distanz betrachten. Die K.o.-Phase hat zudem ihren eigenen Charme – keine ellenlangen Gruppenkonstellationen mehr, sondern klare Entscheidungen. Jedes Spiel ist jetzt ein Endspiel, und diese Endgültigkeit hat tatsächlich etwas Befreiendes. Man weiß: Es geht schnell voran, und jedes Ergebnis zählt sofort.
Nicht die schlechteste Art, eine Weltmeisterschaft zu erleben
So bleibt am Ende ein zwiespältiges Bild. Der große Rausch der deutschen Öffentlichkeit bleibt 2026 aus, das Ausscheiden der DFB-Elf hat spürbar Wirkung auf die Wahrnehmung des Turniers in diesem Land. Doch wer genau hinschaut, findet weiterhin genug Fußball, der diesen Namen auch verdient – nur eben fernab der gewohnten deutschen Perspektive. Und manchmal ist das gar nicht die schlechteste Art, eine Weltmeisterschaft zu erleben.
von Marc Basten

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