Es war lange Zeit kein schöner Nachmittag für Deutschland in Toronto. Gegen die Elfenbeinküste lieferte die Nagelsmann-Elf über weite Strecken genau das, was vermeintliche Turnierfavoriten nicht liefern dürfen: viel Ballbesitz, wenig Druck, noch weniger echte Torgefahr. Das Passspiel hatte Rhythmus, aber kein richtiges Tempo und keinen Biss. Im gegnerischen Strafraum agierten die deutschen Offensivspieler zu umständlich und ohne die notwendige Zielstrebigkeit.
Kurz nach dem Hydration-Break kassierte Deutschland den Rückstand – wenig überraschend über die rechte Abwehrseite, wo Kimmich gegen Diamonde gleich mehrere Einladungen aussprach. Danach hatte Deutschland noch deutlichere Probleme. Musiala wirkte gegen athletisch robuste Gegenspieler wie ein scheues Reh, Wirtz und Havertz wollten den Ball am liebsten ins Tor tragen – und versäumten dne Abschluss. Sané war bemüht. Das war auch schon alles.
Erst Ausgleich, dann Wahnsinn
Nach der Pause hätte die Elfenbeinküste das Spiel zumachen können – und müssen. Dass sie es nicht tat, war Deutschlands großes Glück. Bundestrainer Nagelsmann, der zuvor durch sein ständiges Gehampel an der Seitenlinie und sein obsessives Beschweren beim Vierten Offiziellen vor allem eines war – extrem unsympathisch –, trat dann wenigstens mit seinen Personalentscheidungen positiv in Erscheinung. Die Einwechslungen von Leweling, Amiri und Undav veränderten die Statik des Spiels. Neuer Schwung, neue Wege.
Den Lohn gab es prompt: Amiri flankte aus dem Halbfeld und Undav vollendete technisch sauber. Reiner Killerinstinkt, kein Schnörkel, kein Zögern. 1:1. Als alles auf eine Punkteteilung hindeutete, schlug Nmecha zu: Der Dortmunder – bislang ein echter Fixpunkt, der aus Gladbacher Sicht unweigerlich Erinnerungen an Denis Zakaria in dessen besten Tagen weckt – spielte einen Klasse-Pass in die Tiefe. Undav nahm ihn an wie ein Weltklassestürmer, technisch makellos, eiskalt abgeschlossen. 2:1 tief in der Nachspielzeit. Die Deutschen jubelten und schauten dabei ein bisschen so aus, als würden sie das Ergebnis selbst nicht ganz glauben.
Elfenbeinküste: Talent verwaltet statt genutzt
Den Ivorern muss man vorwerfen, zu wenig aus den Räumen gemacht zu haben, die Deutschland ihnen oftmals angeboten hat. Individuell hatten sie das Potenzial, dieses Deutschland zu schlagen – doch sie ließen es liegen und dürfen sich am Ende nicht beschweren. Die Elfenbeinküste ist selbst schuld. Die DFB-Elf hat das Spiel am Ende verdient gewonnen.
Durch das anschließende torlose Remis zwischen Ecuador und Curaçao steht Deutschland bereits als Gruppensieger fest. Das letzte Gruppenspiel wird ein Muster ohne Wert. Was in diesem Turnier wirklich möglich ist, weiß nach diesem Auftritt niemand. Die Moral stimmt, der Charakter auch. Aber auf dem Weg ins Finale wird es mehr brauchen als einen Deniz Undav, der in der Nachspielzeit aufräumt.
von Marc Basten

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