WM 2026

Advocaat, Curaçao und der WM-Start

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Dick Advocaat in seinem Element (Foto: WM Sport Media - Getty Images)

Deutschland eröffnet die WM gegen Curaçao – ein Debütant, geformt von Ex-Gladbach-Trainer Dick Advocaat. Sein strukturiertes Team ist mehr als ein WM-Exot.

Wenn Deutschland in die WM startet, geht es auf dem Papier gegen einen Debütanten. Für Gladbach-Fans liegt die eigentliche Pointe aber auf der Bank: Dick Advocaat, von November 2004 bis April 2005 Borussia-Trainer, hat Curaçao als kleinstes WM-Land der Geschichte erstmals zu einer Endrunde geführt. Der frühere Gladbach-Coach ist damit nicht bloß eine Randnotiz des Spielplans, sondern der prägende Faktor eines Gegners, der taktisch deutlich klarer organisiert ist, als der Name zunächst vermuten lässt.

Advocaat kam damals in ein Borussia-Umfeld, das zwar gerade in den neuen Borussia-Park gezogen war, sportlich aber auf unsicherem Boden stand. Seine Amtszeit dauerte nur rund fünf Monate; im April 2005 trat er zurück, nachdem sich die erhoffte Stabilisierung nicht eingestellt hatte und Gladbach im Abstiegskampf festhing. Genau das macht den Kontrast zu Curaçao so interessant: In Mönchengladbach scheiterte ein Trainer mit klarer Ordnungsidee an einem unruhigen Gesamtbild, in der Karibik wurde dieselbe Grundhaltung zum Fundament eines historischen Erfolgs.

Kein klassischer Außenseiter

Curaçao ist kein klassischer Außenseiter, der sich nur über Physis und Zufall durch die Qualifikation getragen hat. Die Mannschaft blieb in der entscheidenden WM-Qualiphase ungeschlagen und zeigte dabei die volle Bandbreite ihrer Stärke: ein 7:0 gegen Bermuda, ein 2:0 gegen Jamaika, ein 1:1 gegen Trinidad und Tobago – und schließlich das WM-Ticket mit einem 0:0 im Rückspiel auf Jamaika. Dieser Weg war nicht spektakulär, aber aussagekräftig: Curaçao gewann die Spiele, die es gewinnen musste, verlor in Druckmomenten nicht die Ordnung und wirkte über Monate stabiler als viele größere CONCACAF-Namen.

Der historische Rahmen ist dabei schnell erklärt. Curaçao tritt heute eigenständig an, nachdem die Insel früher unter dem Dach der Niederländischen Antillen lief; die WM 2026 ist die erste Endrunde überhaupt für das Land. Mit rund 150.000 bis 156.000 Einwohnern ist Curaçao der kleinste Teilnehmer in der Geschichte des Turniers. Dass ein Verband dieser Größenordnung nicht über Masse kommt, sondern über Auswahl und Struktur, ist der Kern der Geschichte.

Stark von den Niederlanden geprägt

Genau dort beginnt Advocaats eigentliche Leistung. Seit Januar 2024 führte er die Mannschaft durch die Qualifikation – mit einer Unterbrechung: Im Februar 2026 trat er aus familiären Gründen zurück, nachdem gesundheitliche Probleme seiner Tochter ihn zur Prioritätensetzung zwangen. Sein Landsmann Fred Rutten übernahm zunächst, doch im Mai 2026, wenige Wochen vor Turnierstart, kehrte Advocaat zurück und übernahm wieder das Ruder. Er arbeitete mit einem Kader, der stark von in den Niederlanden ausgebildeten Spielern geprägt ist. Anders als 2004/05 in Gladbach musste er kein Bundesliga-Team mit akuten Bruchstellen zusammenhalten, sondern konnte auf ein Umfeld setzen, das seine fußballerische Sozialisation teilt: geordneter Aufbau, klare Rollen im Zentrum, disziplinierte Staffelung gegen den Ball. Aus Gladbacher Sicht ist das die eigentlich spannende Beobachtung: Der gleiche Trainertyp, der am Niederrhein kaum Wirkung entfaltete, funktioniert in einem kleineren, homogeneren Projekt plötzlich deutlich schärfer.

Taktisch ist Curaçao entsprechend keine improvisierte Turniermannschaft. Meist agiert das Team in einer 4-2-3-1- oder 4-3-3-Struktur, mit einem klaren Zentrum und Flügelspielern, die nach Ballgewinnen sofort Tiefe aufnehmen. Der Aufbau beginnt, wenn möglich, flach; unter Druck wird er bewusst vereinfacht, ohne in blinden Langholz-Fußball zu kippen. Genau darin liegt die niederländische Prägung: Curaçao sucht Ordnung im Ballbesitz, aber nicht um der Ästhetik willen, sondern um aus sauberen Staffelungen kontrolliert ins Umschalten zu kommen.

Advocaat stand nie für taktische Romantik

Für Deutschland macht das den Gegner unangenehmer, als es ein erster Blick auf die Größenverhältnisse nahelegt. Curaçao wird kaum dauerhaft dominant auftreten, kann aber in klar umrissenen Spielphasen gefährlich werden: nach Ballverlusten im zweiten Drittel, bei Läufen über die Flügel und bei Standards. Gerade diese Mischung aus kompakter Grundordnung und gezielten Nadelstichen passt zu einem Trainer wie Advocaat, der nie für taktische Romantik stand, sondern für das präzise Ausreizen der Mittel seiner Mannschaft.

Auch der Kader stützt dieses Profil. Im WM-Aufgebot stehen mit Jürgen Locadia, Riechedly Bazoer, Tahith Chong und Joshua Brenet gleich vier Spieler mit Bundesliga-Vergangenheit. Dazu kommt eine europäisch geprägte Achse, deren Ausbildung vor allem in den Niederlanden erfolgt ist und die deshalb mit den Abläufen im Positionsspiel, mit Pressingauslösern und mit klaren Rollenprofilen vertraut ist. Curaçao ist deshalb kein Team, das nur über Einsatz lebt, sondern eines, das zumindest in der Grundstruktur weiß, was es tut.

Ein Gegner, den man besser nicht mit einem exotischen Etikett unterschätzt

Aus Gladbacher Sicht bekommt die Partie damit eine zusätzliche Ebene. Advocaat war bei Borussia kein Trainer, der Spuren wie Hennes Weisweiler, Jupp Heynckes oder Lucien Favre hinterlassen hat; sein Kapitel gehört eher zu den Randnotizen einer unruhigen Zeit. Gerade deshalb ist sein heutiger Status interessant: Nicht als nachträgliche Verklärung, sondern als Erinnerung daran, wie stark Trainerarbeit vom Umfeld abhängt. In Mönchengladbach war er der Coach, der in einem schwierigen Moment nicht greifen konnte. Bei Curaçao ist er der Architekt eines WM-Debütanten, der Deutschland im Auftaktspiel zumindest strukturell auf einen Gegner treffen lässt, den man besser nicht mit einem exotischen Etikett unterschätzt.

Für deutsche Fans wird Curaçao auf den ersten Blick der „kleine erste Gegner“ sein. Für Dick Advocaat und seine Mannschaft ist diese Partie einer der größten Momente ihrer Laufbahn – als WM-Debütant gegen einen vierfachen Weltmeister anzutreten, ist für viele Spieler mehr als sie je erwartet haben. Gerade dieser Unterschied in der Perspektive macht das Duell interessant.

Advocaats Spätwerk

Auf der einen Seite steht eine Nationalmannschaft, die nach Jahren der Suche wieder verlässlich auf höchstem Niveau funktionieren will. Auf der anderen ein Außenseiter, der in relativ kurzer Zeit eine klare Struktur gefunden hat und einem Trainer im Spätwerk die Bühne bietet, seine Idee vom Spiel noch einmal sichtbar zu machen. Aus Gladbacher Sicht lohnt es sich, beides zusammen zu sehen: den nüchternen Blick auf Pressinghöhen, Abstände und Standards – und die leise Erkenntnis, dass ein früherer Borussia-Coach ausgerechnet mit Curaçao zeigt, wie weit eine klare Idee tragen kann, wenn der Kontext stimmt.


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