Man kann über dieses Turnier denken, was man will. 48 Teams, 12 Gruppen, ein Sechzehntelfinale und ein Modus, bei dem in fast jeder Gruppe drei von vier Mannschaften weiterkommen. Die Kritik am aufgeblähten Teilnehmerfeld ist berechtigt, der Vorwurf der sportlichen Verwässerung nicht von der Hand zu weisen. Doch während Gianni Infantinos Mega-WM noch immer Diskussionen auslöst, haben die Männer, derentwegen viele Menschen überhaupt einschalten, eines getan: geliefert.
Messi: 38 Jahre, 18 WM-Tore, keine Erklärung nötig
Es gibt Momente im Sport, die man besser nicht zu sehr analysiert, weil jede Analyse ihnen nicht gerecht wird. Lionel Messi beim WM-Auftakt gegen Algerien war so ein Moment. In seinem 200. Länderspiel traf er dreimal, stellte zunächst den Allzeit-Rekord von Miroslav Klose ein und brach ihn schließlich im zweiten Gruppenspiel gegen Österreich endgültig. Zwei weitere Tore in Arlington: Messi steht jetzt bei 18 WM-Treffern und ist damit alleiniger Rekordhalter der Geschichte.
Dabei war das Spiel gegen Österreich kein Selbstläufer. Messi vergab zunächst einen Elfmeter, traf dann aber trotzdem zweimal: per Linksschuss von der Strafraumkante in der 38. Minute und tief in der Nachspielzeit zum 2:0. Nüchtern betrachtet: Ein 38-Jähriger wird bei seiner sechsten WM kurz vor seinem 39. Geburtstag zum alleinigen Rekordtorschützen der Geschichte. Mehr Respekt als diesen Satz lässt dieser Text zu diesem Thema nicht zu, und das reicht vollkommen.
Mbappé: Zwei Spiele, zwei Doppelpacks
Kylian Mbappé ist seit Jahren der Mann, dem man die Nachfolge Messis zutraut, und der gleichzeitig immer wieder Anlass bietet, daran zu zweifeln. Nicht bei dieser WM. Beim Auftakt gegen Senegal traf er doppelt und wurde zum französischen Rekordtorschützen in gerade einmal 99 Länderspielen. Im zweiten Gruppenspiel gegen den Irak folgte der nächste Doppelpack: Treffer in der 14. und der 54. Minute, Frankreich gewinnt 3:0.
Vier WM-Tore in zwei Turnierspielen, 16 WM-Karrieretreffer insgesamt: damit zog er mit Miroslav Klose in der ewigen Torjägerliste gleich. Nach einer teilweise schwierigen Saison bei Real Madrid findet der 27-Jährige bei Turnieren seinen eigenen Rhythmus. Was auffällt: Mbappé zeigte sich bereits beim Auftakt mannschaftsdienlicher als gewohnt, defensiv engagiert und weniger auf Selbstinszenierung bedacht.
Haaland: Fabrikware in der besten Bedeutung des Wortes
Bei Erling Haaland gab es vor diesem Turnier ein echtes Rätsel: Wie verhält er sich beim WM-Debüt? Die Antwort war so erwartbar wie beruhigend. Gegen den Irak war er über weite Strecken kaum am Spiel beteiligt und traf trotzdem zweimal. Das ist kein Widerspruch, das ist Haaland. Sein bemerkenswertes Zahlen-Highlight für die Statistiker: 15 Ballkontakte in 90 Minuten, fünf Torschüsse, zwei Tore. Effizienz in ihrer reinsten Form.
Gegen Senegal folgte die Wiederholung, Haaland traf zweimal und Norwegen steht vorzeitig in der K.o.-Runde. Jede neue Bühne, auf der er bislang aufgetaucht ist – Bundesliga, Champions League, Premier League –, eröffnete er mit Toren. Die WM macht da keine Ausnahme. Manche Spieler brauchen Zeit, um anzukommen. Haaland braucht eine Torchance.
Und die anderen? Auch Kane und Vinícius liefern
Der Blick auf die Torschützenliste zeigt: Es sind nicht die Überraschungen, die das Feld anführen. Harry Kane erzielte gegen Kroatien einen Doppelpack und egalisierte damit Englands bisherigen WM-Rekord von Gary Lineker, und das in einem Turnierjahr, in dem er mit Bayern München persönliche Bestmarken aufgestellt hat. Ein ausgelaugter Mann sieht anders aus. Vinícius Júnior hat für Brasilien in zwei Spielen zwei Tore und einen Assist beigesteuert. Die vielzitierte »Belastungsklage«, wonach die Topstars nach einer 50-Spiele-Saison ausgelaugt ins Turnier kämen, greift bei ihnen bislang schlicht nicht.
Man muss diese WM nicht mögen. Das Format ist diskutabel, der kommerzielle Überbau erdrückend, manche Gruppenspiele sportlich zu bedeutungslos. Aber wer einschaltet, weil er Messi, Mbappé oder Haaland sehen will, bekommt gerade genau das, und manchmal sogar mehr.
von Marc Basten

Zurück