WM 2026

So gut wie harmlos

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Daneben gegriffen (Foto: Justin Setterfield - Getty Images)

Deutschland zeigt gegen Ecuador dieselbe offensive Harmlosigkeit wie gegen die Elfenbeinküste. Ein Muster mit Ansage – und das erste K.o.-Spiel rückt näher.

Es war kein Einzelfall. Das muss man nach dem 1:2 gegen Ecuador so klar sagen, auch wenn es ein Dämpfer für die „Schland-Fans“ ist. Denn wer das Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste noch frisch im Gedächtnis hatte, rieb sich gegen Ecuador wieder an denselben Stellen wund: ein Angriffsspiel ohne Zug, ohne Tempo, ohne echten Plan. Harmlos. Erschreckend harmlos.

Das frühe Tor von Sané war irregulär und ansonsten gab es kaum nennenswerte Torchancen. Florian Wirtz spielt derzeit, als hätte ihm Liverpool einen Chip eingepflanzt. Alles wirkt schwammig, unentschlossen, weit entfernt von jenem Wirtz, der in Leverkusen mit einer Leichtigkeit Spiele entschied, die anderen Spielern schlicht nicht zur Verfügung steht. Im DFB-Dress agiert er wie jemand, der seinen eigenen Rhythmus verloren hat und ihn nun krampfhaft sucht. Die Lockerheit ist weg. Und mit ihr die Tore.

Havertz ist kein Zielspieler

Jamal Musiala läuft, wird gefoult, lamentiert, und beim nächsten Ballkontakt trennen ihn wieder 90 Kilogramm ecuadorianischer Entschlossenheit vom Ball. Musiala fehlt schlicht die Wehrhaftigkeit, um sich gegen diese Art von Gegnerschaft durchzusetzen. Er braucht Räume, Anspielstationen und Tempo im Umfeld. Er bekommt nichts davon. 

Kai Havertz ist ein guter Fußballer. Das soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Aber er ist kein Zielspieler. Er ist kein Stoßstürmer, der im Strafraum den Körper hinein stellt, der Flanken abnimmt, der Verteidiger bindet. Bei Aleksandar Pavlović ist von jener Handlungsschnelligkeit, die dieses Mittelfeld so dringend bräuchte, wenig zu sehen. Ein Kontakt zu viel, eine Entscheidung zu spät, und der Moment ist weg. 

Es fehlt an Passschärfe und Zielstrebigkeit 

Joshua Kimmich verstärkt das Problem noch. Sein Drang in die Mitte, seine Dauerpräsenz im Spielaufbau wirken nicht als Antrieb, sondern als Bremse. Er ist überall und genau deshalb nirgendwo wirklich wirksam. Und wenn er rechts hinten verteidigen soll, kann er fehlendes Tempo nicht durch kluges Positionsspiel ausgleichen. 

Aber es sind nicht nur die einzelnen Spieler – auch die Spielidee ist rätselhaft. Pressingansätze, die sich andeuten, verpuffen ins Leere, weil die Abstimmung nicht stimmt und die Dynamik fehlt. Wer Borussia Mönchengladbach in den letzten Jahren beobachtet hat, kennt dieses Bild: Pässe ohne letzte Schärfe, Kombinationen ohne den entscheidenden dritten Mann, Angriffswellen, die im letzten Drittel einfach einschlafen. Das deutsche Nationalteam spielt mit ähnlicher Beliebigkeit. Es fehlt nicht am Willen, es fehlt an Passschärfe und Zielstrebigkeit. An jenem letzten Prozent, das aus einer Aktion ein Tor macht.

Neuer weist jede Mitschuld von sich

Apropos Tor. Da steht ja mit Manuel Neuer jemand, dessen Nominierung ein Armutszeugnis ist, was an dieser Stelle schon behandelt wurde. Neuers Aura hat Deutschland bislang wenig genutzt, vielmehr macht er von den Altstars, die man bei diesem Turnier so sieht, den bemitleidenswertesten Eindruck. Beim ersten Gegentor sah er den Ball zwar spät, doch es gibt auf diesem Niveau Torleute, die deutlich schneller reagiert hätten. Beim Siegtreffer von Ecuador wollte er den Ball fangen, hatte aber den Torschützen übersehen. Das war gewiss keine einfache Situation, aber dass Neuer anschließend jede Mitschuld von sich wies, sagt alles. 

Was bleibt, ist eine Mannschaft, die sich zwar als Tabellenführer für die K.-o.-Runde qualifiziert hat, aber schon im ersten Ausscheidungsspiel auf der Rasierklinge tanzt. Nicht wegen mangelnder Qualität im Kader, sondern wegen mangelnder Kohärenz im System. Ob sich das in der Kürze der Zeit korrigieren lässt, ist fraglich. Am späten Montagabend werden wir mehr wissen.

 


von Marc Basten

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