Ein gewisses Magengrummeln dürfte jeder verspürt haben, der am Sonntagabend in den Borussia-Park gekommen war. Die Wichtigkeit des Spiels gegen Mainz vor Augen – dieser gefühlte Endspielcharakter einerseits und das eingeschränkte Vertrauen in Mannschaft und Trainer andererseits – die Anspannung war greifbar.
Und doch brachte die Situation auch eine gewisse Klarheit mit sich. Es war bekannt, wie die Konkurrenz im Keller gepunktet hatte und dass man sich mit einem Heimsieg vorentscheidend absetzen könnte. Gegner Mainz kam nach einer englischen Woche mit zwei Niederlagen im Gepäck – und dann stand es nach nur sieben Minuten 1:0 für Borussia, weil Joe Scally präzise ins lange Eck getroffen hatte. Bessere Voraussetzungen für den Befreiungsschlag hätte es nicht geben können.
Einigeln und hoffen, dass Mainz der Punch fehlt
Doch statt aus der Position der Stärke die Initiative zu ergreifen und den Rückenwind zu nutzen, zogen sich die Borussen zurück. Sie beschränkten sich auf einige Konterversuche und von extremer Vorsicht geprägte Ballbesitzphasen. Mainz war das optisch überlegene Team und kam mehrfach gefährlich in den Gladbacher Strafraum. Weil die Borussen in letzter Linie aber leidenschaftlich verteidigten und die Mainzer – allen voran Becker und Tietz – ihr Visier nicht optimal eingestellt hatten, wurde Nicolas anders als in den Vorwochen nicht zu Glanzparaden in Serie genötigt.
Die erste Halbzeit war schon schwer verdaulich, nach der Pause wurde es richtig bitter. Zwei Kontermöglichkeiten gab es, ansonsten spielte sich das Geschehen ausschließlich in der Gladbacher Hälfte ab. Entlastungsphasen? Fehlanzeige. Nicht mal im Ansatz konnten die Borussen den Rhythmus des Spiels brechen. Sich einigeln und darauf hoffen, dass den Mainzern weiterhin der letzte Punch fehlen würde – mehr wollten oder konnten die Gladbacher nicht.
Wie taumelnde Boxer in der letzten Runde
Dass die Schlussphase eingeläutet wurde und auf der Anzeigetafel immer noch das 1:0 leuchtete, war objektiv gesehen komplett unverdient. Eugen Polanski meinte anschließend zwar, er habe nicht das Gefühl gehabt, dass etwas passieren könnte – doch diese Wahrnehmung hatte er exklusiv. Seine Spieler hingen in den letzten Minuten wie taumelnde Boxer in den Seilen. Einer nach dem anderen baute körperlich ab, während die Wechsel wirkungslos verpufften.
Mainz hatte mittlerweile die Brechstange ausgepackt und mit Weiper einen groß gewachsenen Stürmer für hohe Bälle gebracht. Dass Polanski in der 87. Minute unmittelbar vor einer Mainzer Freistoßflanke mit Takai einen kopfballstarken Spieler einwechselte, war keine schlechte Idee. Dass er dafür aber mit Tabaković seinen besten Kopfballspieler vom Feld nahm, war vollkommen absurd. Wenige Sekunden später hatte man noch das große Glück, dass Weipers Kopfballtreffer annulliert wurde. Doch danach flog ein hoher Ball nach dem anderen in den Gladbacher Strafraum, und die verzweifelten Verteidigungsversuche endeten schließlich mit Engelhardts folgenschwerem, unbeholfenem Kontakt.
Polanski strahlt trotzige Hilflosigkeit aus
Das 1:1 war für Mainz hochverdient und für die Borussen die gerechte Strafe für diesen Angsthasenfußball. Keine Mannschaft im Tabellenkeller entfacht derzeit so wenig Feuer wie die Gladbacher. Eugen Polanski strahlte in seinen Statements nach dem Spiel eine trotzige Hilflosigkeit aus, die zum Geschehen auf dem Platz passte. Man muss sehr viel Fantasie aufbringen, um sich vorzustellen, wie er diese Mannschaft erfolgreich durch die letzten Spiele führen soll.
Unmittelbar nach der Partie erteilte Sportchef Rouven Schröder einer Trainerdiskussion eine Absage. „Eugen ist unser Trainer und er wird uns über den Strich führen", sagte der 50-Jährige. Doch Schröder und die Verantwortlichen werden sich kurzfristig ernsthaft Gedanken machen müssen, ob man nicht doch noch einen externen Impuls setzt. Dass Polanski in Gladbach über die Saison hinaus keine Zukunft hat, dürfte mittlerweile klar sein. „Drinbleiben und dann die richtigen Entscheidungen treffen" – so formulierte es Schröder. Nach den Eindrücken des Mainz-Spiels sollte der zeitliche Ablauf dieser Entscheidung möglicherweise überdacht werden.
von Marc Basten

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