Schuberts Taktik der Schlüssel zum Erfolg

»Wir haben die Bayern überrascht«

Created by von Marc Basten und Jan van Leeuwen
Hände hoch, Lars Stindl trifft (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Hände hoch, Lars Stindl trifft (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Die Gladbacher Borussen konnten sich berechtigterweise feiern lassen nach ihrem 3:1-Coup gegen Bayern München. Zum einen war der Sieg verdient, zum anderen wurde er mit fußballerischen Mitteln erreicht. Was gegen Bayern alles andere als normal ist.

Der Blick auf die Aufstellung von Borussia Mönchengladbach verriet, dass André Schubert ausgerechnet gegen Bayern München die taktische Kniffkiste öffnen würde. Er schickte mit Nico Elvedi einen Startelfdebütanten ins Rennen, dazu änderte er die Ausrichtung. Erstmals seit 4¾ Jahren trat Borussia Mönchengladbach nicht im 4-4-2 an.

»Wir mussten eine Idee und eine Lösung finden, wie wir den Gegner bespielen«, erklärte Schubert. »Einerseits mit einer defensiven Stabilität, andererseits aber auch mit der Möglichkeit, nach vorne zu spielen«. Eine Defensivtaktik kam daher nicht infrage. »Wir haben es im Vorfeld besprochen, dass wir ausdrücklich keine Fünferkette spielen wollen«. Stattdessen wählten Schubert und sein Trainerteam das 3-5-2, was schon in der Schlussphase in Hoffenheim praktiziert wurde.

»Wir beschäftigen uns schon länger mit dem System«, so Schubert. Vor allem die ausgedünnte Personalsituation auf den Außenbahnen forcierte die Überlegung, einen Systemwechsel in die Tat umzusetzen. Auch wenn einige Spieler zunächst etwas skeptisch waren. »Ist doch klar, dass es nicht einfach ist, wenn du jahrelang anders gespielt hast«, so Schubert. Doch der Coach nahm seine Jungs mit ins Boot und gewann sie für seine Idee. »Es ist immer wichtig, dass die Spieler zu hundert Prozent überzeugt sind, was du machst. Wenn du gegen Bayern München zweifelst, brauchst du gar nicht aufzulaufen«.

Seit Mitte der Woche beschäftigten sich die Borussen intensiv mit dem 3-5-2. »Wir haben es mehr theoretisch als praktisch trainiert«, sagte Oscar Wendt. Mit der Folge, dass die Bayern nach einer kurzen Orientierungsphase ob der unerwarteten Herangehensweise der Gladbacher das Heft in die Hand nahmen und die neu formierte Fohlenelf gehörig in Bedrängnis brachten. »Am Anfang hatten wir es schwer, die Positionen zu finden«, gab Wendt zu. »Es gab schon einige Probleme«, hatte auch Schubert festgestellt. »Wir haben nicht so aggressiv und offensiv verteidigt, wie es eigentlich nötig war«.

Dadurch geriet vor allem Debütant Elvedi in Bedrängnis, der in manches (aussichtslose) Laufduell mit dem blitzschnellen Coman musste. »Der kam mit 800 km/h auf ihn zu«, meinte Schubert. »Da muss man sich auch erstmal dran gewöhnen«. Erstaunlich, dass der junge Schweizer trotz der kritischen Phase den Kopf oben behielt und sich immer mehr stabilisierte. »Er ist sehr kühl, ein Eisvogel«, schwärmte Schubert. »Ich bin vorsichtig damit, junge Spieler zu überfordern. Aber ich habe bei ihm die Überforderung nicht gesehen. In der zweiten Halbzeit kam er immer besser rein, hatte Mut die Zweikämpfe zu suchen. Er ist ein cooler Junge«.

Dass die Borussia in der zweiten Halbzeit überhaupt noch auf Augenhöhe war, hatte sie der nachlässigen Chancenverwertung der Bayern und einem gut aufgelegten Yann Sommer zu verdanken. »Wir hatten sicherlich das notwendige Quäntchen Glück, aber auch einen sehr guten Torwart«, sagte Schubert.

Die relativ stabile letzte Viertelstunde vor der Pause hatte der Mannschaft Mut gemacht. »Wir haben in der Halbzeit über die Dinge geredet, auch ob wir so weiterspielen wollen«, erläuterte Schubert. »Die Spieler haben selber gesagt, dass es passt, dass sie es hinkriegen und nur hier und da etwas einen Tick anders machen müssen«. Die Mündigkeit seiner Profis hob Schubert besonders hervor. »Sie haben heute wieder gezeigt, dass sie mit Verantwortung wahnsinnig gut umgehen können und Dinge selber in die Hand nehmen und regeln können«. Zum Ende des Spiels hätten sie »eigenmächtig auf 5-4-1 umgestellt«, so Schubert, der diese Eigeninitiative ausdrücklich begrüßte.

Nach der Pause spielten und verteidigten die Gladbacher mit mehr Zutrauen und belohnten sich mit dem 1:0 durch Oscar Wendt. »Das war ein superwichtiges Tor für die Mannschaft«, sagte Wendt. Denn danach spielten sich die Borussen förmlich in einen Rausch. »Auch nach dem 1:0 haben wir weiter nach vorne gespielt«, sagte Fabian Johnson. »Damit haben wir die Bayern überrascht«.

Tatsächlich wirkten die Münchener verwirrt darüber, dass die Borussen gar nicht daran dachten, nun das 1:0 über die Zeit ›zu mauern‹, sondern weiter beherzt nach vorne preschten. Mit dem gewachsenen Selbstvertrauen lief der Ball und plötzlich mussten die Weltklasse-Spieler der Bayern hinter den Gladbacher Ballvirtuosen herlaufen. »Im Fußball geht viel über den Kopf«, so Schubert. »Nach dem ersten Tor gelang uns fast alles«.

»Wir haben superschnell die Pressingzone des Gegners überspielt«, freute sich der Coach, der den vorentscheidenden Doppelpack von Lars Stindl und Fabian Johnson ausgelassen bejubelte. »Ich war selber etwas überrascht, dass ich schon wieder treffe«, grinste Johnson anschließend. Sein Treffer sorgte für das nötige Polster, um die Schlussphase zu überstehen. »Wenn du gegen Bayern München spielst, kannst du dir nie sicher sein«, sagte Schubert. Nach dem Anschlusstreffer wurde es nochmal kurz ›kribbelig‹. »Aber dann haben wir es mit Geschick und dem notwendigen Quäntchen Glück über die Zeit gebracht«, so Schubert. »Ich kann der Mannschaft nur ein Riesenkompliment aussprechen: Das war eine sensationelle Leistung«.

»Heute wurde ein Traum wahr«, strahlte Nico Elvedi. Das galt nicht nur für den jungen Schweizer, sondern für alle Borussen an einem denkwürdigen Samstag im Dezember.

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