Borussia völlig von der Rolle

»Vor was haben wir Angst?«

Created by von Marc Basten und Jan van Leeuwen
Raffael & Co. enttäuschten auf ganzer Linie (Foto: Olaf Kozany / TORfabrik.de)

Raffael & Co. enttäuschten auf ganzer Linie (Foto: Olaf Kozany / TORfabrik.de)

Es war ein entsetzlicher Auftritt von Borussia Mönchengladbach gegen den Hamburger SV. In der Ära Favre gab es kaum ein Spiel, in dem die Gladbacher so gnadenlos schlecht Fußball spielten. Dabei sollte doch alles stabiler werden.

Lucien Favre hatte vorgesorgt. Zumindest war das sein Plan. Er setzte im Heimspiel gegen den HSV auf die geballte Erfahrung und nahm von Überlegungen Abstand, dem jungen Mo Dahoud als Vertreter des gesperrten Xhaka zur Startelfpremiere zu verhelfen. Die Verantwortung für einen 19-Jährigen sei »in dieser Situation zu groß«.

So agierten vor den Innenverteidiger-Routiniers Stranzl und Brouwers auf der Doppel-6 Jantschke und Nordtveit, womit Favre bewusst spielerische Defizite in Kauf nahm, weil er sich Kompaktheit erhoffte. »Der Trainer wollte so Stabilität reinbringen«, sagte Max Eberl. »Aber das hat nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat«.

Favre, sonst mit einem bekannt guten Händchen für situative Personalentscheidungen, griff diesmal daneben. Auch die Nominierung von Lars Stindl auf der rechten Seite entpuppte sich als ein Schuss in den Ofen.

Fast 2½ Jahre war die Startelf im Durchschnitt älter als die Anfangsformation beim Ligaauftakt in Dortmund. Doch Erfahrung war gegen den HSV kein Faktor, weil sich die gestandenen Profis unerklärliche Fehler erlaubten.

Schon in der Anfangssequenz der Partie brachten sich Brouwers und Stranzl gegenseitig in die Bredouille. »Wir fangen schon so komisch ängstlich an«, hatte Max Eberl auf der Bank erkannt. »Dann hat irgendwie keiner mehr den Ball haben wollen. So ist es schwer, Fußball zu spielen«. Dem HSV reichte ein ›Pseudo-Pressing‹, um die schlotternden Knie der Gladbacher offenzulegen.

»Ich verstehe nicht, wo diese unfassbare Angst herkommt«

»Es war sehr enttäuschend, was wir abgeliefert haben«, sagte Max Eberl. »Ich verstehe nicht, wo diese unfassbare Angst herkommt. Vor was haben wir Angst? Klar, wir haben null Punkte, aber es ist nichts passiert. Wir haben uns sehr, sehr kindlich ängstlich angestellt«.

Und das wohlgemerkt mit den erfahrensten Profis, die zur Verfügung standen. Tony Jantschke unterlief in seinem 150. Bundesligaspiel ein unfassbarer Fehlpass, der das 0:1 einleitete. Danach brauchte es eine ganze Weile, bis die Gladbacher halbwegs in die Spur kamen, wobei fußballerisch kaum etwas klappte. Der Knackpunkt war das 0:2 kurz vor der Pause, als die Borussen nach der ersten Ecke der Partie Lasogga nicht am Durchbruch hinderten. Wieso bei einer Raumdeckung zentral nicht die Wege versperrt sind, ist ein Rätsel.

Der endgültige Genickbruch war das 0:3, das der HSV selbstredend nicht umständlich herausspielen musste. Ein simpler langer Ball vom Torwart, ein komplett deplatzierter Roel Brouwers und schon war der Beweis erbracht, dass gegen Gladbach im Moment sogar ›Kick and Rush‹ funktioniert.

»Die grundlegenden Dinge bekommen wir nicht hin und wir machen es dem Gegner viel zu leicht, Tore zu schießen«, konstatierte Eberl. »Wir müssen nicht Drumherum reden: Wir haben ein beschissenes Spiel gemacht und einen beschissenen Start hingelegt«.

Stranzl fällt erneut lange aus

»Wir müssen berechtigterweise Schutt und Asche über uns ausschütten lassen«, so Eberl weiter. »Aber wir haben jetzt eine gnadenlose Zeit vor uns, wo alle drei Tage ein Spiel ist. Da musst du, so paradox das im Zusammenhang mit ›kindlich‹ und ›ängstlich‹ klingt, deinen Mann stehen«.

Die nun anstehenden Feiertage in der Königsklasse passen überhaupt nicht zur aktuellen Gemütsverfassung. »So richtig freuen kann ich mich auf die Champions League nicht«, gab Eberl zu. Doch vielleicht liegt in diesem Wettbewerb auch die Chance, etwas für den Kopf und gegen die unerklärliche Angst zu unternehmen. »Wir müssen versuchen, die negativen Dinge, die im Moment über uns hereinprasseln, zur Seite zu schieben. Wir müssen versuchen, da Schritt für Schritt herauszukommen. Was haben wir in Sevilla zu verlieren? Nichts!«.

Die Reise nach Andalusien wird Borussia mit den Spielern vornehmen, die gegen Hamburg den Kader bildeten. Fehlen wird Martin Stranzl, der nach seinem Zusammenprall mit Håvard Nordtveit noch in der Nacht operiert wurde. Beim Österreicher wurde ein Bruch des Augenhöhlenbodens festgestellt, Borussia gibt seine Ausfallzeit mit sechs bis acht Wochen an. Stranzl kam als Hoffnungsträger und landete im Krankenhaus. Viel mehr braucht es nicht, um die aktuelle Situation in Mönchengladbach zu beschreiben.

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