Eigentlich war alles angerichtet für den erhofften Schritt in Richtung Klassenerhalt. Im nahezu ausverkauften Borussia-Park kam die Fohlenelf gegen von Beginn an bemerkenswert forsche Heidenheimer recht ordentlich ins Spiel und nutzte die erste Torchance zur Führung, als Castrop seine Dynamik einbrachte und Mohya auflegte.
Die Präsenz von Tabaković fehlte vorn wie hinten
Doch anstatt nachzusetzen und mit der Führung im Rücken Dominanz zu zeigen, wurden die Borussen zusehends passiver. »Den Flow nach dem 1:0 hätten wir mitnehmen müssen«, stellte auch Haris Tabaković fest, der sich das Geschehen überraschenderweise von der Bank aus anschauen musste. Auch den Schwung, in dem sich der bosnische Nationalspieler nach der emotionalen WM-Qualifikation befand – Tabaković: »Das war das Highlight meiner Karriere« –, ließen die Gladbacher ungenutzt.
Eugen Polanski hatte sich nach einem Gespräch mit Tabaković dazu entschieden, ihn zunächst draußen zu lassen. Zähneknirschend, aber professionell akzeptierte Tabaković die Entscheidung des Trainers, die sich jedoch als wenig glücklicher Schachzug erweisen sollte. Gegen die hühnenhaften Abwehrspieler Heidenheims fehlte die körperliche Präsenz des Mittelstürmers in beiden Strafräumen. Beim Ausgleich der Gäste wurde das besonders deutlich: Tabaković wäre ganz anders in das Kopfballduell mit Torschütze Mainka gegangen als Machino.
Machino als Mittelstürmer funktioniert nicht
Auch der Plan, Machino als Mittelstürmer einzusetzen, ging überhaupt nicht auf. Zeitweise standen Honorat und Machino sich gegenseitig im Weg, dann waren die Abstände wieder so groß, dass an Kombinationen kaum zu denken war. Wer einen anderen Stürmertyp als gewohnt bringt, muss auch die Spielanlage entsprechend anpassen. Es reicht dann nicht, nur etwas weniger hoch und weit zu spielen – Machino, Honorat und Mohya müssten so eingesetzt werden, dass sie die großen Abwehrspieler mit Dynamik und schnellen Bewegungen unter Druck setzen. Doch das geschah allenfalls in Ansätzen.
So hatte Heidenheim nach dem Ausgleich keine Mühe, das Gladbacher Offensivspiel lahmzulegen und immer mehr Spielanteile zu übernehmen. Gegen Ende der ersten Halbzeit hatten die Gäste zwei Großchancen zur Führung. »Bei Standardsituationen und zweiten Bällen waren wir nicht sattelfest«, monierte Sportchef Rouven Schröder. »Wir müssen uns bei Moritz Nicolas bedanken, dass wir nicht schon zur Halbzeit zurückliegen.«
Polanski versteht den Unmut nicht
Eine Neusortierung in der Pause erfolgte nicht – die Borussen wirkten nach Wiederanpfiff noch verunsicherter als zuvor. Eine unerklärliche Passivität machte sich breit. »Es waren fast zwanzig Minuten, in denen wir kaum Ballbesitz hatten«, so Schröder. »Wir kommen nicht in die Zweikämpfe, laufen nur hinterher und kriegen verdient das 1:2.« Die Borussen ließen sich im eigenen Stadion vom Tabellenletzten vorführen, was die Zuschauer mit entsprechenden Unmutsäußerungen quittierten. »Man hat gemerkt, wie sensibel das Publikum reagiert – und das auch zurecht«, sagte Schröder.
Polanski sah das im Sky-Interview etwas anders und zeigte wenig Verständnis für die Reaktion der Fans – wobei er dies ausdrücklich auf die Zuschauer der Gegentribünen bezog und nicht auf die Nordkurve. Besonders klug ist es freilich nicht, Fangruppierungen gegeneinander auszuspielen und sich über eine angeblich überzogene Erwartungshaltung der »Normalos« zu mokieren. Niemand, der sich auch nur halbwegs mit Borussia beschäftigt, wird erwartet haben, dass man Heidenheim aus dem Stadion fegt. Aber das bedeutet nicht, dass man es einfach hinnehmen muss, wenn die faktisch abgestiegenen Heidenheimer fußballerisch fast eine Klasse besser auftreten als die eigene Mannschaft.
»Wir haben es vielleicht ein bisschen auf die leichte Schulter genommen«
Die Lage im Borussia-Park war äußerst kritisch, doch zumindest gingen die Borussen nicht komplett unter – das war das einzig Positive an diesem Nachmittag. Polanski zog alle Wechseloptionen und ging ins Risiko. Was da auf dem Platz passierte, war zeitweise sehr wild, führte aber immerhin dazu, die Heidenheimer zu verunsichern. Der in seiner Entstehung slapstickhafte Ausgleich durch den entscheidend abgefälschten Schuss von Honorat war die Folge. In der Schlussphase hatten Tabaković und Bolin den Siegtreffer auf dem Fuß, doch Heidenheims Keeper bewahrte seine Mannschaft vor einer unverdienten Niederlage.
Am Ende standen die Borussen mit dem einen Punkt ziemlich bedröppelt da – es war ganz klar eine gefühlte Niederlage. »Es ist auf jeden Fall ein Rückschlag«, sagte Jens Castrop anschließend. Der 22-Jährige fand klare Worte: »Wir haben dumme, tolpatschige Fehler gemacht, und es wirkte teilweise so, als wären wir nicht ganz bei der Sache.« Er bemängelte eine Halbherzigkeit in der Zweikampfführung und ließ einen vielsagenden Satz folgen: »Wir haben es vielleicht ein bisschen auf die leichte Schulter genommen.« Damit ist dann auch geklärt, wie sehr Eugen Polanskis Ansage an die Mannschaft vor dem Spiel wirklich »gesessen« hat.
von Marc Basten

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