Keine Fohlen im deutschen Aufgebot

Löw: Ohne Gladbach fährt er zur EM

von von Marc Basten
Kein Gladbachfan - Jogi Löw (Foto: Team2 Sportphoto)

Kein Gladbachfan - Jogi Löw (Foto: Team2 Sportphoto)

Es war keine große Überraschung, dass sich im vorläufigen Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft kein Spieler von Borussia Mönchengladbach befindet. Dennoch bleiben ein paar Fragezeichen hinsichtlich der Entscheidungen des Bundestrainers.

Von Ralf Rangnick weiß man, dass er als kleiner Junge mit der Gladbachfahne ins Stuttgarter Stadion gepilgert ist, um die Fohlenelf zu unterstützen. Der sportliche Macher des Projekts RB Leipzig hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Tief im Herzen ein Gladbachfan ist.

Theoretisch hätte Rangnick damals im ›Ländle‹ dem zwei Jahre jüngeren Joachim Löw aus dem Schwarzwald begegnen können. Doch das wird wohl nicht der Fall gewesen sein. Vom Bundestrainer weiß man zwar nicht alles, aber eines ist gewiss: Eine besondere Affinität zu Borussia Mönchengladbach hat Jogi Löw nicht.

Daran hat sich auch in seiner mittlerweile zehnjährigen Amtszeit als ›Bundes-Jogi‹ nichts geändert. Zu Beginn hatte Löw keinen Grund, sich in den Borussia-Park zu verirren. Oliver Neuville kannte er noch aus alten Klinsmann-Tagen und irgendwer schwatzte ihm zwischenzeitlich mal den Zweitligakicker Marko Marin auf. Aber sonst? Das vor sich hindümpelnde Gladbach war für einen Nationaltrainer ziemlich uninteressant.

Hahn nicht wertvoller als ›Maskottchen‹ Podolski?

Der Eindruck hat sich verfestigt, dass Löw dies auch nach den erfolgreichen Jahren der Borussia nicht viel anders sieht. Seine Besuche im Borussia-Park sind nach wie vor eine Seltenheit und so richtig begeistern kann er sich für die Kicker der Fohlenelf nicht. Nur wenn es gar nicht anders geht (Reus) oder durch absoluten Zufall (Kramer) durften sich Gladbacher Profis über Nominierungen freuen. Dass er Patrick Herrmann ›einfach mal so‹ einlud, war mehr als ungewöhnlich.

Natürlich wäre es anmaßend, Löw zu unterstellen, er hätte etwas gegen Borussia. Bei den Fohlen sind die ›Achsenspieler‹ wie Sommer, Christensen, Xhaka oder Raffael keine Optionen für die DFB-Elf. Mit Tony Jantschke konnte Löw noch nie etwas anfangen und nach der ›Seuchensaison‹ wäre der ohnehin kein Thema. Julian Korb hätte durchaus passen können, schließlich sucht die Nationalelf dringend Außenverteidiger. Doch Korbs etwas überraschender Absturz in der Rückrunde erübrigt weitergehende Überlegungen.

Patrick Herrmann fehlt nach seinem Kreuzbandriss die Matchpraxis, so dass unter dem Strich nur Lars Stindl, André Hahn und Mo Dahoud als mögliche EM-Kandidaten blieben. Stindl gelangte bislang nicht mal in den Dunstkreis der Nationalmannschaft und angesichts der kontinuierlich ausgebliebenen Einladungen war nicht ausgerechnet jetzt ernsthaft mit einer Nominierung zu rechnen. Diskutieren kann man sicherlich, ob ein André Hahn in der aktuellen Verfassung nicht wertvoller sein dürfte als der andere André mit Nachnamen Schürrle, von ›Maskottchen‹ Lukas Podolski ganz zu schweigen. Und mit Dahoud hätte Löw sicher auch nicht viel falsch gemacht.

Die Ansprüche an Dahoud werden steigen

Gleichwohl ist es legitim, auf Hahn und Dahoud zu verzichten. Aus Sicht von Borussia Mönchengladbach ist es sogar eine positive Nachricht. André Hahn hat schließlich lange ausgesetzt und es ist nicht unüblich, dass Spieler im Anschluss an ihr Comeback nochmal in ein Leistungsloch fallen. Eine vernünftige und behutsame Vorbereitung ist für Hahn wertvoller, als wenn er sich einen Monat als Sparringspartner in Frankreich aufreiben würde.

Bei Mo Dahoud ist es ähnlich. Er muss seine erste richtige Saison als Profi physisch und psychisch erstmal verarbeiten. Seit September ist der 20-Jährige quasi unter Volllast und mit durchgetretenem Gaspedal unterwegs. Eine EM vor dem Fernseher ist da passend, um runterzukommen und sich auf die neue Saison zu fokussieren. Dahoud hat die Messlatte selbst hochgelegt und im Zuge des bevorstehenden Abgangs von Xhaka werden die Ansprüche an ihn nicht geringer.

Dass über Löws Auswahl grundsätzlich diskutiert werden kann, steht außer Zweifel. Allerdings war das vor jedem Turnier so. Wirklich befremdlich an der Nominierung war letztlich nur die Inszenierung. Andere Länder geben Pressemitteilungen heraus oder twittern kurz und knapp, wer im Aufgebot steht. Beim DFB war es eine 60-Minütige, teils hochnotpeinliche PR-Veranstaltung. Bleibt zu hoffen, dass Löw seine Auswahlspieler so hinbekommt, dass sie es nächsten Monat auf dem Platz besser machen. Und wenn nicht, dann sollte Löw - oder sein Nachfolger - künftig doch mal öfter mit wachen Augen im Borussia-Park vorbeischauen.

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