Am Ende schlichen die Gladbacher Borussen relativ bedröppelt aus der Leipziger Arena, während die Anhänger von RB einen verdienten Heimsieg feierten. Das sind Momente, die wirklich körperliche Schmerzen bereiten – zumal einem das unerträgliche Geschrei des Stadionsprecher-Darstellers noch stundenlang in den Ohren klingelt. Dagegen wirkte der „Trillerpfeifen-Protest" der Gästefans in der Anfangsphase wie ein freundliches Pfeifen im Walde.
Was die Borussen zuvor auf dem Rasen gezeigt hatten, entsprach in etwa dem Erwartbaren. Eugen Polanski hatte immerhin für eine Überraschung gesorgt, indem er in der Grundformation nach längerer Zeit mal wieder eine Viererkette spielen ließ. Sander als zweiten Sechser vorzuziehen und gleichzeitig Reitz in eine offensivere Rolle zu beordern, hatte durchaus etwas für sich. Auch die Idee, mit der Hereinnahme von Ullrich als Linksverteidiger den agilen Castrop weiter vorne einzusetzen, war in der Theorie nicht schlecht.
Ullrich wurde erlöst
Castrop war es dann auch, der in der Anfangsphase der auffälligste und gefährlichste Gladbacher Offensivspieler war. Allerdings erwies sich Ullrich von Beginn an als große Schwachstelle. Er sah kein Land gegen den starken Diomande, stolperte aber auch ohne Gegnerdruck über die eigenen Beine und produzierte mehrere Ballverluste, aus denen hochkarätige Chancen für Leipzig entstanden. Polanski musste reagieren und erlöste Ullrich nach einer halben Stunde. Der Anblick des weinenden Ullrich auf der Bank tat weh – aber die Auswechslung war alternativlos.
Sie hatte allerdings zur Folge, dass Castrop nun zurückbeordert wurde und Borussia damit ihren Trumpf in der Offensive verlor. Bolin war zwar bemüht, kam im Eins-gegen-eins aber nicht an die Durchsetzungsfähigkeit von Castrop heran. Auf der anderen Seite war Honorat im mittlerweile gewohnten Tarnkappen-Modus unterwegs – und so wurde das bis dahin relativ ordentliche Gladbacher Offensivspiel immer berechenbarer und harmloser.
Keine Power für 90 Minuten?
Immerhin wurde es mit der defensiven Stabilität schrittweise besser. Ohne die Glanztaten von Moritz Nicolas wäre das Spiel zwar schon frühzeitig entschieden gewesen, aber so blieben die Borussen zumindest vom Ergebnis her auf Augenhöhe. Doch wie schon so oft in dieser Saison konnten die Gladbacher nach der Pause das Niveau nicht halten. Leipzig agierte kontrollierter als zuvor, die Borussen wurden immer passiver. Es gab keine nennenswerten Ballbesitzphasen und keinerlei gefährliche Abschlüsse.
Eine Aussage von Eugen Polanski auf der Pressekonferenz sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Er räumte ein, dass „wir über eine längere Spielzeit einen Ticken ein Thema haben, was Intensität angeht". Ein Eingeständnis, das natürlich Fragen aufwirft. Es ist klar, dass ein Großteil des Kaders über eingeschränkte technische und spielerische Qualität verfügt. Aber wie kann es sein, dass eine Bundesligamannschaft physisch – und daraus folgend psychisch – nicht in der Lage ist, über 90 Minuten eine konstant hohe Intensität auf den Platz zu bringen?
Weltklasse-Leistung von Nicolas reicht nicht
Zumal es ja nicht so ist, dass die Gladbacher eine Stunde lang wie verrückt marschieren und ihnen dann die Puste ausgeht. Alle diesbezüglichen Werte liegen ohnehin unter dem Ligaschnitt – und trotzdem hängen viele Spieler in der letzten halben Stunde mehr oder weniger in den Seilen. Das war letztlich auch der Grund, warum in der 81. Minute der unnötige Ballverlust an der Seitenlinie erfolgte und Scally am Ende nur noch in der Lage war, Diomande Begleitschutz zu geben, statt ihn entscheidend zu stören.
Die Leipziger Führung war aufgrund des Spielverlaufs und der Chancenverteilung zweifellos verdient. Und weil die Borussen zwar einen Weltklasse-Torwart hatten, aber im entscheidenden Moment das Glück fehlte – Chiarodia traf nur die Latte –, musste man am Ende die erwartbare Niederlage hinnehmen. Die Situation im Abstiegskampf bleibt prekär, und dem Spiel gegen Mainz am nächsten Sonntag kommt nun noch mehr Bedeutung zu als ohnehin schon.
von Marc Basten

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