Andreas Christensen

Ein schmerzhafter Verlust

von von Marc Basten und Nadine Basten
Auf dem Weg zur Weltklasse - Andreas Christensen (Foto: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)

Auf dem Weg zur Weltklasse - Andreas Christensen (Foto: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)

Mit Andreas Christensen verliert Borussia Mönchengladbach einen herausragenden Spieler. Der junge Däne war in den vergangenen zwei Jahren eine tragende Säule der Fohlenelf. Seine Rückkehr nach London ist ein schmerzhafter Verlust.

Es ist keine unbekannte Situation in Mönchengladbach. In den vergangenen Jahren war das Wehklagen ziemlich heftig, als Größen wie Reus, Kruse oder zuletzt Xhaka die Borussia verließen, um anderswo ihr Glück zu suchen und zumindest Geld zu finden. Sie waren prägende Spieler und hinterließen Lücken, die mal besser und mal schlechter gestopft werden konnten.

In diesem Sommer verlässt Andreas Christensen den Niederrhein. Der Leihvertrag endet und der Däne kehrt planmäßig zurück zu Chelsea London. Viele Fans, so jedenfalls der Eindruck, nehmen das eher mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, als in großes Gejammer zu verfallen. Es ist halt ein Unterschied, ob aufsehenerregende Spieler wie Reus oder Xhaka betroffen sind, oder ›nur‹ ein Innenverteidiger.

Doch Borussia verliert mit Andreas Christensen mehr als nur einen einfachen Manndecker. Gladbach büßt eine Qualität ein, die von ihrer Wertigkeit Reus oder Xhaka gleichkommt oder vielleicht sogar noch übertrifft. Auch wenn Christensen nicht für Spektakel stand, war er eine der tragenden Säulen bei Borussia. Und das, obwohl er in diesem Jahr erst 21 Jahre alt geworden ist.

Bei Schubert zentral, rechts oder im Mittelfeld

In der abgelaufenen Saison, seiner zweiten bei Borussia, war Andreas Christensen der beste Feldspieler der Fohlen. In der TORfabrik-Einzelkritik kommt er auf einen Notenschnitt von 2,91 und führt das Ranking damit an. Trotz seiner Jugend und der für die Mannschaft wellenförmig verlaufenen Spielzeit war der Däne ungemein stabil in seinen Leistungen.

Natürlich gab es Ausnahmen, wie beim 0:4 in Manchester in der Champions League. Dort zahlte er gegen Agüero Lehrgeld, litt dabei aber auch unter dem schwachen Defensivverhalten des Teams. Trainer André Schubert experimentierte mit seinen Abwehrformationen, was dazu führte, dass Christensen als zentraler oder rechter Mann der Dreierkette oder im defensiven Mittelfeld auflief.

In der Abwehrkette brachte er meist überzeugende Leistungen, als Sechser war er weniger wirkungsvoll. Im Mittelfeld lief er letztmals bei der im Nachhinein als richtungsweisend bezeichneten 0:4 Pleite auf Schalke auf. Christensen kam als Sechser nicht zurecht und Schubert stellte zur Halbzeit um. Der Däne rückte zurück in die Dreierkette, doch auch dort lief es nicht besser. Schalke konterte Gladbach aus, Christensen sah bei zwei Gegentoren nicht gut aus und verschuldete den Treffer zum 0:4, als er den Ball verstolperte.

Unter Hecking steigerte er sein ohnehin schon hohes Niveau

Im darauffolgenden Spiel gegen den HSV - dieses unsägliche 0:0 mit zwei verschossenen Elfmetern - zog er sich eine Verletzung in der Gesäßmuskulatur zu. Dadurch verpasste er nicht nur vier Tage später den 2:0-Erfolg im Celtic Park, sondern fünf weitere Pflichtspiele. Erst zum Derby gegen Köln war er wieder einsatzbereit. Die Niederlage vermochte er ebenso wenig zu verhindern, wie den folgenden Sturzflug bis zur Winterpause. Doch selbst in dieser Phase war er noch der stabilste Gladbacher, gegen Mainz wurde er mit seinem Tor des Tages zum Matchwinner.

Als Dieter Hecking im neuen Jahr das Ruder übernahm, beorderte er Christensen in sein ›Gerüst‹ als rechter Innenverteidiger der fest eingeführten Viererkette. Ohne jegliche Anpassungsprobleme erfüllte der Däne die Aufgaben und konnte an der Seite von Landsmann Vestergaard sein ohnehin schon hohes Niveau nochmals steigern.

Er war die Zuverlässigkeit in Person, überzeugte Spiel für Spiel mit einer hohen Zweikampf- und Passquote, beim 4:2-Triumph in Florenz steuerte er den vierten Treffer bei. Das nächste Europacupspiel auf Schalke (1:1) verpasste er wegen Rückenproblemen, in den restlichen Partien stand er seinen Mann. Zuhause gegen Hertha (1:0) lieferte er ein perfektes Spiel ab und erhielt die nur ganz selten vergebene Note 1,0: ›Was Christensen zeigte, war einfach großartig. Grandioses Kopfballtiming, überragendes Positionsspiel, immer im richtigen Moment am oder vor dem Gegenspieler und mit blitzsauberer Zweikampfführung. Selbst unter größtem Druck löste er die Situationen seelenruhig, mit Auge und Technik gleichermaßen‹.

Noch ist die Geschichte nicht ganz rund

Diese Lobeshymnen sind keinesfalls übertrieben. Was Andreas Christensen in seinen zwei Jahren bei Borussia gezeigt hat, lässt darauf schließen, dass ihm eine Karriere als Weltklassespieler bevorsteht. Sollte es für Borussia auch nur den Hauch einer Möglichkeit geben, mit Chelsea und Christensen ein neuerliches Leihgeschäft zu vereinbaren, müssen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, dies zu realisieren.

Nicht nur, weil die Lücke, die der Däne hinterlassen wird, auf diesem Niveau nur ganz schwer zu füllen sein wird, sondern auch, weil die Geschichte von Christensen und Borussia noch nicht ganz rund ist. Die zwei Jahre waren zwar eine echte Win-win-Situation, doch ein Makel bleibt: Im Pokalhalbfinale gegen Frankfurt versagten ausgerechnet dem so zuverlässigen Christensen beim Elfmeterschießen die Nerven. Er führt damit eine traurige Tradition fort: Wieder verlässt ein Spieler Borussia mit einem Fehlschuss im Elfmeterschießen. Aber vielleicht gibt es ja noch eine zweite Chance ...

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