Fassungslos auf Schalke

»Dass du das verlierst, ist Wahnsinn«

von von Marc Basten und Jan van Leeuwen
Fassungslos auf Schalke (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Fassungslos auf Schalke (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Das Entsetzen bei den Gladbacher Borussen war greifbar nach dem Spiel in der Schalker Arena. Hochüberlegen, eine Klasse besser als der Gegner und doch verloren. Die Gladbacher waren fassungslos.

Max Eberl war sichtlich angefressen. Nicht nur wegen der ständigen Bierduschen aus dem Schalker Publikum, die er während der 90 Minuten über sich ergehen lassen musste. »Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen«, sagte Eberl. »Asozial!«

Viel mehr ärgerte es ihn, dass er und seine Mannschaft die Arena statt als Triumphatoren als Verlierer verlassen mussten. »Fußball kann sehr ungerecht sein«, haderte er. »Wir waren auf eine Art und Weise dominant, wie ich es in einem Auswärtsspiel selten gesehen habe. Wir haben Schalke an die Wand gespielt. Dementsprechend enttäuschend ist es, dass wir am Ende mit leeren Händen hier stehen«.

Die Borussen übernahmen frühzeitig das Kommando im gegnerischen Stadion. »Wir hatten das Spiel total im Griff und uns eine Torchance nach der anderen herausgespielt«, sagte André Schubert. »Schalke bekam überhaupt keinen Zugriff auf uns, wir hatten ein super Positionsspiel mit sehr gutem Gegenpressing, so dass wir sofort wieder aufbauen konnten«.

Was fehlte, waren die Tore. Trotz unzähliger hochkarätiger Einschussmöglichkeiten. »Eigentlich musste es zur Pause 4:0 oder 5:0 stehen und wir brauchen die zweite Hälfte gar nicht spielen«, ärgerte sich Granit Xhaka. »Wir haben es sehr gut gemacht, aber im Fußball kommt es halt auf die Tore an. Und heute konnten wir eine Menge Tore machen«, sagte ein enttäuschter Thorgan Hazard, der mehrere Gelegenheiten ungenutzt ließ.

Die fehlende Effizienz im Abschluss und ein überragender Ralf Fährmann waren die Gründe, warum es Borussia auch in der zweiten Halbzeit nicht gelang, die haushohe Überlegenheit in etwas Zählbares umzumünzen. Stattdessen geriet man aus dem Nichts durch ein Slapstick-Eigentor in Rückstand.

»Eine Sekunde waren wir nicht konzentriert und dann klingelt es«, ärgerte sich Xhaka. »Die haben keine Chance und machen zwei Tore, das ist unglaublich«.

Die Borussen schüttelten sich kurz und machten dann weiter wie zuvor. Sie drängten Schalke zurück und Königsblau verteidigte mit Mann und Maus. Der Ausgleich durch den mittlerweile ins Mittelfeld aufgerückten Andreas Christensen war mehr als überfällig.

Zehn Minuten waren da noch auf der Uhr. »Klar hattest du das Gefühl, dass jetzt der Siegtreffer drin ist«, gab Max Eberl das wieder, was alle Borussen in diesem Moment empfanden. Und die Mannschaft wollte unbedingt und vergaß dabei die bis dahin annähernd perfekte Ordnung. »Der einzige Vorwurf, den wir uns machen können, ist der, dass wir nach dem 1:1 etwas zu offensiv standen«, sagte Yann Sommer.

Ein Beinschuss von Sané gegen Unglücksrabe Hinteregger offenbarte die fehlende Ordnung, Goretzka stand blank. »Der schießt völlig ungefährlich«, sagte Max Eberl. Der Ball wäre sichere Beute für Yann Sommer geworden, doch Xhaka fälschte unhaltbar ab. »Das passt zum Spiel«, grantelte Granit. »Schalke hatte mehr Glück als Verstand«, sagte Sommer.

Im Schlussspurt gab es noch mehrere Riesenchancen auf den Ausgleich, doch Fährmann wuchs über sich hinaus. Xhaka mutmaßte, dass ein großer Klub den Schalker Keeper jetzt vom Fleck weg verpflichten müsste.

»Es war eine grandiose Leistung der Mannschaft«, sagte Max Eberl und André Schubert ergänzte: »Ich kann meiner Mannschaft nur zu einem überragenden Spiel gratulieren. Und dennoch müssen wir uns die Frage gefallen lassen, warum wir auswärts nicht punkten. Aber viel besser als heute können wir es nicht spielen. Das ganze steht in keinem Verhältnis«.

Obwohl die Fassungslosigkeit auch weit nach Schlusspfiff noch allgegenwärtig war, kam langsam aber sicher auch der Trotz hervor. »Bitterer kann es nicht laufen«, sagte Eberl. »Aber nochmal: Wir haben eine großartige Leistung gebracht. Das ist jetzt der Anspruch an die nächsten Wochen und dann werden wir auch die Punkte holen«.

Die Länderspielpause kommt nach diesem psychologischen Tiefschlag zum richtigen Zeitpunkt. »Zum Glück geht es jetzt zum Nationalteam«, meinte Xhaka. »Hoffentlich analysieren wir das Spiel nie mehr, denn dann tut es wieder weh«. »Es tut allen gut, jetzt mal den Kopf zu lüften«, bestätigte Yann Sommer. »Wir haben ja keine Krise, sondern im Gegenteil ein sehr gutes Spiel gemacht. Dass du das verlierst, ist Wahnsinn. Aber wir werden den Kopf oben behalten«.

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