Taktische Mängel

»Das Leben selber schwer gemacht«

von von Marc Basten und Nadine Basten
Over and out - Sommer nach dem 2:3 (Foto: Patrick Stollarz / AFP / Getty Images)

Over and out - Sommer nach dem 2:3 (Foto: Patrick Stollarz / AFP / Getty Images)

Borussia Mönchengladbach verlor verdient gegen Dortmund, weil weder die zurückhaltende Herangehensweise vor der Pause, noch der offene Schlagabtausch nach dem Wechsel gut genug waren. Am Ende gab es viele ratlose Gesichter im Borussia-Park.

Es war ein merkwürdiges Spiel im ausverkauften Borussia-Park, aber zumindest eine Erkenntnis konnte man gewinnen: Es kommt nicht von ungefähr, dass die Gladbacher Borussia in dieser Spielzeit deutlich hinter Dortmund platziert ist. Trotz der ganzen Probleme war der BVB das klar bessere Team.

Die Gladbacher gingen mit einer besonnenen Ausrichtung in die Partie: Erstmal sicher stehen und dann sukzessiv den Gegner in dessen Hälfte beschäftigen. »Wir wollten kompakt spielen«, bestätigte Dieter Hecking. »Aber das war nicht gut, weil wir zu passiv waren.« Seine Mannen zeigten sich ernsthaft beeindruckt vom Pressing der Dortmunder. Der Spielaufbau war unter Druck nicht als solcher zu bezeichnen.

»Das haben wir uns anders vorgestellt«, gab Hecking zu. »Wir haben es nicht verstanden, Dortmund irgendwo in Gefahr zu bringen und haben uns das Leben selber sehr schwer gemacht.« Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass offensichtliche Weisungen von außen nicht umgesetzt wurden. »Obwohl wir schon nach kurzer Zeit die Anweisung gegeben haben, nicht mehr hinten raus zu spielen, sondern den langen Ball zu wählen, ist das nicht durchgekommen zu den Leuten«, sagte Hecking.

Entglittene Spielkontrolle, ausrutschende Spieler

Auch wenn eine solche Aussage nicht überbewertet werden sollte - sie ist schon ein Fingerzeig des Trainers in Richtung Mannschaft. Das Geschehen auf dem Platz war den Gladbachern schon längst entglitten, auch weil sie wiederholt ausrutschten. Andreas Christensen entscheidend vor dem 0:1, Traoré und Hofmann später ebenfalls. Hauptsache, die Fußballschuhe sind Bonbon-bunt - was interessiert da die Griffigkeit?

»Wir haben eine schlechte erste Halbzeit gespielt«, schilderte Yann Sommer seine Beobachtungen. »Es hat wenig gestimmt. Das 1:1 war das einzig Positive.« Der Ausgleich von Stindl nach einem krassen Fehler auf Dortmunder Seite war wirklich ein Geschenk für die Gladbacher. Die fühlten sich zuvor zwar vom Schiedsrichter benachteiligt, weil der Elfmeterpfiff gegen Dahoud höchst umstritten war, doch sie hatten anderseits Glück, dass der Tritt von Strobl gegen Sahin nicht geahndet wurde. Insoweit ausgleichende Gerechtigkeit bei den Fehlentscheidungen.

In der Halbzeitpause kam Hecking mit seinen Anweisungen durch zu seinen Spielern. Um dem Dortmunder Pressing zu entkommen, wollten es die Gladbacher nun selbst mit mehr Risiko angehen. Den Gegner zurückdrängen, beschäftigen und aufs zweite Tor gehen, lautete offensichtlich die Parole. Damit erwischten die Fohlen die Dortmunder sichtlich auf dem falschen Fuß. »In der zweiten Hälfte haben wir gut begonnen und vieles richtig gemacht«, lobte Yann Sommer.

Keine Ruhe nach der Führung

Dortmund wackelte, Gladbach drängte und erzwang schließlich das Eigentor durch Schmelzer. Die Führung war zwar schmeichelhaft, doch der VfL war auf dem richtigen Weg, sie sich zu verdienen. Doch erneut fehlte es an der taktischen Flexibilität, sich auf die veränderten Umstände einzustellen. »Da würde ich mir wünschen, dass man mehr Ruhe reinbringt«, sagte Hecking. Sein Wunsch blieb unerfüllt, denn seine Mannen behielten den Risiko-Kurs auch nach der Führung bei. »Wir wollten den offenen Schlagabtausch«.

Das führte dazu, dass der BVB zwar tiefer stehen musste, dafür jedoch teils irrwitzig große Räume für Konterangriffe bekam. Vor allem, weil die Gladbacher bei Ballbesitz weiter zu fahrig agierten und durch einfache Abspielfehler immer wieder Dortmunder Umschaltmomente heraufbeschworen. Der Ausgleich durch Aubameyang war bereits die vierte oder fünfte Situation, in der die Schwarz-Gelben den Turbo zünden durften.

Auch in der Folgzeit blieb das Gladbacher Visier offen. Es hätte gutgehen können, wenn Herrmann eine Viertelstunde vor dem Ende nicht freistehend an Bürki gescheitert wäre. Gefährlicher waren freilich die Gäste und der Siegtreffer nicht unverdient. Wenngleich er aus Gladbacher Sicht total ärgerlich war. »Wenn du in der 87. Minute einen Standard gegen dich kriegst, muss jeder wach sein«, grantelte Hecking. »Da darf es nicht sein, dass Guerreiro mit 1,70 Metern ein Kopfballtor macht.«

»Ich kann Fans, die die eigene Mannschaft auspfeifen, nicht akzeptieren«

»Ich hätte das Unentschieden gerne mitgenommen«, sagte Hecking. So aber biegt sein Team nach zwei Niederlagen mit acht Gegentoren angeschlagen auf die Zielgerade ein. Erschwerend kommen die atmosphärischen Störungen hinzu, die auf den Rängen auszumachen waren. Viele panikartigen Versuche, sich dem Dortmunder Pressing zu entziehen, wurden von den Zuschauern mit Unmut begleitet. »Ich kann Fans, die die eigene Mannschaft auspfeifen, nicht akzeptieren«, sagte Yann Sommer.

Mo Dahoud wurde bei seiner Auswechslung mit einem Pfeifkonzert verabschiedet. Er hatte schwach gespielt und der anstehende Wechsel zum Gegner aus Dortmund tat sicherlich sein Übriges - kontraproduktiv bleiben solche Reaktionen aus dem Publikum dennoch. Dieter Hecking wollte das Thema nicht künstlich aufblähen. »Mo wird das abschütteln«, sagte er. Schütteln muss sich ganz Mönchengladbach - am Dienstag im Pokalhalbfinale gegen Frankfurt geht es nur gemeinsam.

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