Stolze und enttäuschte Gladbacher Borussen

»Das ist extrem bitter«

von von Marc Basten, Jan van Leeuwen und Niklas Kirchhofer
Erst Jubel, dann Katzenjammer (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Erst Jubel, dann Katzenjammer (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Borussia Mönchengladbach hat sich im ersten Champions-League-Heimspiel der Vereinsgeschichte sehr teuer verkauft. Ein Punkt wäre mehr als verdient gewesen. So zahlte man am Ende Lehrgeld auf internationalem Parkett.

Es passte vieles an diesem für Borussia Mönchengladbach historischen Festtag im Borussia-Park. Das Ambiente der Königsklasse, die Stimmung auf den Rängen, der namhafte Gegner und auch die Leistung der Fohlenelf. Mit dem beherzten Auftritt zeigte die Mannschaft, dass sie durchaus berechtigt in diesem Wettbewerb mitmischen darf.

Selbst die Dramaturgie des Spiels passte irgendwie - dem unglücklichen Ausgang zum Trotz. Derartige Niederlagen sind ›typisch Borussia‹ und auch deshalb löst der Verein seit Jahrzehnten bei so vielen Menschen Emotionen aus.

Diese Emotionen kamen am Mittwochabend nicht zu kurz. Weder auf den Rängen noch auf dem Platz. Die Borussen boten dem Scheich-Klub aus Manchester mit seinen hochbezahlten Stars mutig Paroli. Doch es war kein Duell David gegen Goliath, sondern ein mitreißendes Fußballspiel auf Augenhöhe.

»Wir sind mit Mut und Selbstvertrauen aufgetreten und haben richtig guten Fußball gespielt«, lobte Interims-Coach André Schubert zurecht. »Darauf, wie wir uns verkauft haben, können wir stolz sein«.

Sein Team überzeugte mit großem Einsatz und brachte die Engländer mit dem blitzschnellen Umschaltspiel immer wieder in Bedrängnis. Heraus kamen mehrere hochkarätige Chancen. »Wir hätten das eine oder andere Tor mehr machen müssen«, sagte Patrick Herrmann. »Da müssen die Aktionen klarer sein, auch bei mir«.

Herrmann zielte einmal knapp vorbei, scheiterte dann alleine vor Englands Nationalkeeper Joe Hart. An dem herausragenden Keeper - unfassbar, dass das ein Engländer sein soll - biss sich besonders Raffael die Zähne aus. Borussias Brasilianer spielte wie aufgedreht, wirbelte ganz Manchester durcheinander und machte irgendwie das Spiel seines Lebens - wäre da nicht Joe Hart gewesen.

Nach zwanzig Minuten holte Raffael einen Elfmeter heraus. Ein etwas schmeichelhafter Pfiff, wie er zugab: »Ich glaube nicht, dass das einer war. Ich bin ein bisschen gefallen ...«. Dass er selber antrat und verschoss, mag als ausgleichende Gerechtigkeit durchgehen. Und dennoch war es mehr als ärgerlich, blieben den Borussen doch in der Folgezeit zwei klare Elfmeter (Foul an Stindl, Handspiel nach Xhaka-Schuss) verwehrt.

»Dass ein Elfmeter verschossen wird, kann immer passieren«, wollte Patrick Herrmann dem Kollegen Raffael keinen Vorwurf machen. »Ich hätte auch geschossen, aber Raffael fühlte sich gut«. »Ich war mir sicher, dass ich treffe«, bestätigte der Brasilianer. Trotz der Fehlschüsse gegen ManCity und zuletzt im Pokal in Bielefeld will Raffael auch künftig Verantwortung vom Punkt übernehmen: »Warum nicht?«, fragte er.

Jedenfalls blieb der Führungstreffer vor der Pause aus. »Wir halten super mit, haben herausragende Chancen gegen eine gute Mannschaft«, sagte Herrmann. »Es ist schön zu sehen, dass wir mit ManCity mithalten können«. Obwohl die Engländer deutlich mehr Spielanteile hatten, blieben die Borussen mit ihren Angriffen gefährlicher. Dass Lars Stindl schließlich in der 54. Minute der Führungstreffer gelang, war alles andere als unverdient.

Das Problem dabei war, dass noch ziemlich lang zu spielen war und Manchester über eine Menge Qualität verfügt. Die zeigte City, indem die Schlagzahl deutlich erhöht wurde. Borussia geriet zusehends unter Druck und konnte sich kaum befreien. »Das ist schon eine Top-Mannschaft«, sagte Fabian Johnson. »Das haben wir vor allem in der zweiten Halbzeit gemerkt, als wir es verpasst haben, für Entlastung zu sorgen«.

ManCity erzwang den Ausgleich und war in der Schlussphase dem Siegtreffer deutlich näher als die Fohlenelf. Dass der dann in der 90. Minute fiel, war dennoch höchst unglücklich aus Sicht der Gladbacher. »Das ist extrem bitter und kaum in Worte zu fassen«, raunte Patrick Herrmann. In der Schlussminute gab es Elfmeter für Manchester, nachdem Johnson Aguero im Strafraum ›kontaktierte‹. »Ich berühre ihn am Fuß«, gab Johnson zu. Der Argentinier hob clever ab, der Referee pfiff und Aguero selbst verwandelte eiskalt.

»Es ist schwierig, wenn man in jedem Spiel einen Elfmeter gegen sich bekommt«, haderte Patrick Herrmann. Die ›Elfmeterflut‹ in dieser Saison ist frappierend. »Da sind wir manchmal zu ungeschickt und nicht konzentriert genug«, meinte André Schubert. »Wir müssen cleverer sein, aber nicht zu passiv«, ergänzte Johnson. »Das ist immer ein schmaler Grat«

So mussten die Borussen am Ende eine bittere Niederlage hinnehmen. Wobei alle sicher sind, dass dies keinen Knacks für die Psyche geben wird. »Die körperliche Belastung macht mir mehr Sorgen als mentale Folgen«, sagte André Schubert. »Die Intensität in unserem Spiel ist eine andere, wir machen mehr Sprints und intensive Läufe. Da muss sich die Mannschaft dran gewöhnen. Andererseits müssen wir aufpassen, dass es nicht zu viel wird und wir Verletzungen riskieren«.

Die Kraft der Borussen reichte schließlich noch für eine Ehrenrunde im gemächlichen Tempo. Die Anerkennung der Fans für diesen Fight sollte über die müden Beine hinweghelfen. Für den ›Wiederaufbau des Selbstvertrauens‹ war die Partie gegen Manchester trotz der Niederlage ein weiteres Puzzlestück, wie Johnson bestätigte: »Wir müssen uns vor niemandem verstecken. Als Team sind wir mutiger und stabiler geworden. Das nehmen wir mit ins Spiel gegen Wolfsburg«.

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