Einzelkritik: RW Essen - Borussia Mönchengladbach 1:2 (1:0)

Charaktertest in Essen

von Redaktion TORfabrik.de
Solide Premiere von Matthias Ginter (Foto: Christof Koepsel / Bongarts / Getty Images)

Solide Premiere von Matthias Ginter (Foto: Christof Koepsel / Bongarts / Getty Images)

Borussia Mönchengladbach wurde an der Hafenstraße in Essen richtig gefordert. Für die Mannschaft war es der erste Charaktertest vor dem Bundesligastart. Wir nehmen uns die Borussen in der Einzelkritik vor.

Yann Sommer: Borussias Nummer 1 war noch nicht ganz auf Betriebstemperatur. Beim Gegentor blieb er gegen den Kopfball aus kurzer Distanz machtlos. Zuvor zeigte er bei einer flachen Hereingabe eine leichte Unsicherheit, als er den Ball erst im Nachfassen sicherte. Nach der Pause ließ er eine Flanke der Essener prallen, was zum Glück folgenlos blieb. Die wenigen weiteren Herausforderungen löste er souverän, so packte er beim einzigen Essener Torabschluss nach der Pause richtig zu (66.). Note 3,0.

Nico Elvedi: In der Anfangsphase rückte er einige Male energisch mit auf und hatte Ballaktionen in der gegnerischen Hälfte. Wurde im Strafraum zu Fall gebracht (23.), der mögliche Elfmeterpfiff blieb aus. Vor dem Gegentor war Elvedi weit aufgerückt, machte jedoch parallel zum Konter der Essener den Weg zurück. Er hatte Baier eigentlich genau im Blick, ließ ihn allerdings ungehindert durchstarten und einköpfen. In der Folgezeit wirkte Elvedi etwas verunsichert, was sich u.a. durch zwei technische Fehler bei der Ballannahme zeigte. Nach der Pause defensiv nicht mehr gefordert, im Spiel nach vorne sehr zurückhaltend. Insgesamt konnte der Schweizer den guten Eindruck der bisherigen Vorbereitung nicht bestätigen. Note 4,0.

Matthias Ginter: Ein solides Pflichtspieldebüt für den Nationalspieler im Trikot der Fohlenelf. Er war sicher im Passspiel, wobei er sich zumeist auf die risikolose Variante beschränkte. Sein Positionsspiel wirkte abgeklärt, richtig gefordert wurde er von den Essener Angreifern nicht. Nur in einer Situation verlor er nach einem langen Ball auf Platzek etwas die Orientierung. Vor dem Ausgleich eröffnete er die Situation mit seinem Anspiel auf Raffael. Ginter bot sich dabei für einen Doppelpass an, Raffael wählte die Variante über Stindl. Note 3,0.

Jannik Vestergaard: Hatte ein paar unerwartete Probleme mit Platzek und leistete sich in der ersten Viertelstunde zwei unnötige Foulspiele, die Freistoßflanken aus dem Halbfeld zur Folge hatten. Trotz Größen- und Positionsvorteil verlor der Däne ein Kopfballduell im Mittelfeld. Bei der ersten Essener Chance nach einer Ecke passte das Kopfballtiming gegen Zeiger nicht. Vestergaards Passspiel war in Ordnung, auch einige lange Bälle fanden ihr Ziel. Er gewann im weiteren Verlauf einige Zweikämpfe durch gutes Stellungsspiel. Vorne mit einer Kopfballgelegenheit nach einer Ecke, in dessen Folge auch Stindl und Kramer den Ball nicht über die Linie bekamen. Note 3,5.

Oscar Wendt: Der Schwede bewegte sich permanent im Grenzbereich zwischen cooler Routine und Phlegma. Mit dem Stil, nicht mehr zu investieren als nötig, kam er zwar über weite Strecken durch, doch gerade beim Gegentor entlarvte ihn seine lasche Herangehensweise. Im Spiel nach vorne trat er nur gelegentlich in Erscheinung. Mehrfach gestikulierte er, weil er nicht eingebunden wurde. Erst im Verlauf der der zweiten Halbzeit hatte er einige gute Aktionen am gegnerischen Strafraum. Note 4,0.

Christoph Kramer: Kam gut in die Partie, hatte viele Ballkontakte und spielte kluge Pässe, dazu war er auffällig bei der Balleroberung. In der Phase, als sich die Mannschaft insgesamt schwerer tat, Tempo aufzunehmen, konnte Kramer nicht gegensteuern. Er forderte zwar die Bälle, entwickelte aber keine zündende Ideen. Im Umkehrspiel wurde er vor dem 0:1 im Mittelfeld zu einfach überlaufen. In zwei, drei weiteren Situationen passte die Abstimmung mit Zakaria noch nicht richtig. Nach der Pause vorne mit einem technischen Fehler inklusive Ballverlust. Beim Versuch der Rückeroberung mit einer Art Frustfoul, was berechtigt mit Gelb geahndet wurde. Hatte vorne aus dem Gewühl heraus aus kurzer Distanz die Großchance zum Ausgleich, doch Baier rettete im allerletzten Moment. Note 3,5.

Denis Zakaria: Wusste bei seiner Premiere über weite Strecken zu gefallen, offenbarte aber auch noch einige Probleme. In der Anfangsphase bekam er einiges auf die Socken, im weiteren Verlauf der Partie geriet er selbst unnötig in ›Foul-Trouble‹. Die Summe der Vergehen brachte ihm schließlich die Gelbe Karte ein. Als Balleroberer mit seinen langen Beinen mehrfach erfolgreich, aber eben auch oft an der Grenze zum Foul. Im Aufbau unterlief ihm ein ganz böser Fehlpass, ansonsten war das Kurzpassspiel des Schweizers solide. Mit seinen raumgreifenden Schritten forcierte er in mehreren Situationen etwas nach vorne. So holte er den Freistoß für Hazard heraus und stellte die Essener Abwehr bei drei, vier weiteren ähnlichen Aktionen vor Schwierigkeiten. Gleichzeitig öffnete er Räume, was kurz vor seiner Auswechslung in der 66. Minuten einen Konter zur Folge hatte, der zum 0:2 hätte führen können. Note 3,5.

Ibrahima Traoré: War von Beginn an ›on fire‹, überholte sich in seinem Eifer allerdings manchmal selbst. In mehreren Aktionen flitzte er gut zur Grundlinie durch. Im weiteren Verlauf wurde es schwieriger, es häuften sich die Ballverluste. Ein solcher ermöglichte Essen den Gegenangriff zum 0:1. Traoré lief zwar eifrig mit zurück in den eigenen Strafraum, war dann allerdings gegen den heranrauschenden Torschützen Baier auf verlorenem Posten. Trotz des ursprünglichen Fehlpasses und der Überforderung beim Abwehrversuch trug Traoré nicht die Hauptschuld am Gegentor - es gab für diverse Mitspieler genügend Gelegenheiten, den Konter zu unterbinden. Traoré gab vor der Pause noch einen guten Schuss ab, nach dem Wechsel verfehlte er den Kasten nur haarscharf. Einen Eckball verschluderte er, einen Freistoß zirkelte er anderthalb Meter am Tor vorbei. Klasse die Vorbereitung zum Siegtreffer, als er seinen Gegenspieler schwindelig spielte. Note 2,5.

Thorgan Hazard: War nicht ganz so auffällig wie sein Pendant Traoré, mit dem er früh und alsdann immer mal wieder die Seiten tauschte. Brachte die flache Ecke zur ersten Chance für Stindl und verfehlte kurz vor der Pause mit einem feinen Freistoß das Ziel nur um wenige Zentimeter. Hazard hatte aber auch immer mal wieder lasche Aktionen im Repertoire: So flankte er freistehend flach in die Füße eines Gegenspielers und vor dem 0:1 verteidigte er gemeinsam mit Wendt absolut unzureichend auf der linken Seite. Vor dem 2:1 setzte er sich am zweiten Pfosten mit Glück und Geschick durch und bediente Raffael mustergültig. Vier Minuten vor Schluss machte er Platz für Herrmann. Note 3,5.

Lars Stindl: Borussias Kapitän hatte die erste Chance, als er nach der flachen Hazard-Ecke aufs kurze Eck schoss und der Ball gerade noch abgefälscht wurde. Stindl war gewohnt viel unterwegs, ließ sich fallen und spielte einige gute Crossbälle im Stile eines Spielmachers. Nach der Pause der Antreiber und mit einer guten Chance, als er sich energisch gegen drei Mann durchsetzte und knapp am Tor vorbeischoss. Überragend sein direktes vertikales Zuspiel auf Hofmann vor dem Ausgleich - das war perfekt getimt. Mit seiner Klasse-Balleroberung an der Mittellinie stand er an der Basis des Siegtreffers. Diese Aktion unterstrich nochmals deutlich Stindls Wertigkeit auch ohne einen eigenen Treffer. Note 2,5.

Raffael: Zu Beginn war Raffael locker flockig unterwegs und beteiligte sich munter am flüssigen Kombinationsspiel. Nach und nach tauchte der Brasilianer ab, streute einige ungewohnte Ungenauigkeiten ein und ließ sich in zwei, drei Situationen sehr einfach vom Ball trennen. In der zähen Phase nach dem Rückstand gelang es ihm nicht, mit Einzelkationen für Überraschungsmomente zu sorgen. Nach der Pause, als das Offensivspiel Fahrt aufnahm, wurde er lebendiger und zeigte seine Qualitäten als Kombinationsspieler. In eine Abschlusssituation kam er nur einmal - doch das reichte zum Siegtreffer. Den markierte er ohne Mühe, aber im Stile eines Torjägers der weiß, wo er zu stehen hat. Note 3,5.

Jonas Hofmann: Löste Zakaria nach 66 Minuten ab und übernahm dessen Position neben Kramer. Hofmann interpretierte die Rolle - dem Spielstand angemessen - deutlich offensiver. Wurde mit seinem Tor zum 1:1 zum ›Knotenlöser‹ und damit zum Matchwinner. Seine Bewegung in den Strafraum war überragend, der direkte Abschluss instinktiv. Doch es schien ein ›typischer Hofmann‹ zu werden, weil er den Torwart anschoss. Der Schwung der vorangegangenen Aktion war jedoch ausreichend, so dass er den Rebound direkt verwerten konnte. Auch beim zweiten Tor war Hofmann beteiligt, als er trotz Foulspiel eines Esseners den Ball zu Flankengeber Traoré spielen konnte. Ohne Note.

Patrick Herrmann: Ersetzte Hazard in den letzten vier Minuten und bekam direkt eine gute Kontergelegenheit, wo er seine Schnelligkeit ausspielen konnte. Er scheiterte allerdings am Torwart - ein Abspiel wäre möglich und wohl auch nötig gewesen. Ohne Note.

Fabian Johnson: Kam in der Schlussminute für Traoré, um etwas an der Uhr zu drehen. Ohne Note.

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