Nachdreher aus Freiburg

Mal ‘dreckig’ gewinnen kann Borussia nicht

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Fabio Chiarodia - erst rettet er, dann verursacht er unglücklich den Elfmeter (Foto: Alex Grimm - Getty Images)

Einen Sieg hätte Borussia Mönchengladbach in Freiburg nach objektiven Gesichtspunkten nicht verdient gehabt, doch gestört hätte es keinen Borussen, wenn man die auf dem Silbertablett liegenden drei Punkte auf eine ‘dreckige’ Art und Weise mit an den Niederrhein genommen hätte. So fühlte sich ein gerechtes Remis letztlich wie eine Niederlage an.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Fußballspiele manchmal einen eigenartigen und teils sogar skurrilen Verlauf nehmen. Borussias Gastspiel in Freiburg war so ein Match, bei dem sich selbst so ein erfahrener Trainer wie Freiburgs Christian Streich zur Pause »wie im falschen Film« vorkam. Mit 1:3 lag der SC gegen Gladbach hinten, obwohl die Kräfteverhältnisse in den ersten 25 Minuten genau gegenteilig waren. Die Borussen wirkten von Beginn an so harmlos und hilflos wie beim letzten Auswärtsspiel in Köln. 

»Uns ist der Eintritt in das Spiel gar nicht gelungen«, musste Gerardo Seoane anschließend einräumen. »Freiburg hat die erste Viertelstunde total dominiert und ist auch verdient in Führung gegangen«. Borussias Coach bedankte sich explizit bei Keeper Moritz Nicolas, der eine mögliche höhere Führung der Freiburger verhindert hatte. Dabei gingen die Gastgeber nicht mal besonders aggressiv oder druckvoll zu Werke. Plakativ ausgedrückt: Freiburg überrannte Gladbach, ohne dabei schnell laufen zu müssen. 

Plötzlich läuft alles für Borussia

Allerdings machte die Streich-Truppe nach der Führung den Fehler, die Gladbacher Lethargie nicht auszunutzen. Anstatt nachzusetzen, zog man sich zurück und überließ den Borussen den Ball. Die brachten damit zwar nichts zustande, sondern wirkten mit ihrem einfallslosen und mit zittrigen Knien vorgetragenen Aufbauspiel schon fast bemitleidenswert ungefährlich, aber sie konnten sich immerhin sammeln und sortieren. Und dann folgte der kurz ausgeführte Freistoß von Honorat, der feine lange Ball von Weigl in die Tiefe und die überlegte Kopfballvorlage von Netz auf Jordan - und plötzlich stand es 1:1. 

Die Freiburger wirkten etwas konsterniert, gleichzeitig ging ein spürbarer Ruck durch die Reihen der Borussen. Die Bewegungen mit Ball wurden flüssiger, die Passschärfe nahm zu. Plötzlich war man dran und schaffte es, die eigenen Qualitäten auf den Platz zu bringen. Der herrliche Sololauf von Plea zum 2:1 war solch ein Beispiel individueller Klasse, auch wenn Freiburgs Lienhart durch seinen schon als tölpelhaft zu bezeichnenden Begleitschutz das Tor erst möglich machte. Alsdann gesellte sich auch noch das Glück dazu, dass Weigl nach seinem schwach geschossenen ersten Elfmeter die zweite Chance erhielt und es diesmal besser machte. 3:1 zur Pause - der erste Sieg in Freiburg seit 2001 lag auf dem Silbertablett bereit.

Streichs Erstaunen über die konterschwachen Gladbacher

Nach Wiederbeginn gab es das erwartbare Bild: »Nach der Zwei-Tore-Führung haben wir uns zunächst darauf konzentriert, sicher zu stehen und gut zu verschieben«, sagte Christoph Kramer. Freiburg ging noch nicht komplett ins Risiko und die Borussen hatten alles im Griff, auch wenn sie offensiv bis auf einen Schuss von Hack nicht mehr existent waren. Christian Streich äußerte anschließend seine Verwunderung über die harmlosen Konter der Borussen. Auch als Freiburg nach dem Anschlusstreffer die Schlagzahl erhöhte, waren die Gladbacher nicht in der Lage, die sich bietenden Räume für den entscheidenden Gegenschlag zu nutzen. Die defensiv orientierten Wechsel taten ihr Übriges, dass es zu einer reinen Abwehrschlacht wurde. 

»Wir standen viel zu tief und haben es nicht mehr geschafft, die Bälle in den eigenen Sechzehner zu verhindern«, monierte Seoane. »Insgesamt hätten wir aktiver sein müssen und uns nicht am zwischenzeitlichen Ergebnis orientieren dürfen«, ergänzte Christoph Kramer. Der Routinier war sinnbildlich für das Gladbacher Dilemma in der Schlussphase - in zehn Minuten plus Nachspielzeit hatte er gerade mal zwei Ballkontakte. »Hätten wir die knappe Führung über die Zeit gebracht, wäre es genau richtig gewesen, so zu spielen«, sagte Kramer. »Dadurch, dass der Ausgleich gefallen ist, müssen wir uns vorwerfen lassen, dass wir in der zweiten Hälfte zu passiv geworden sind.«

Chiarodias Tragik und Grifos doppeltes Glück

Die Borussen schafften es letztlich nicht, den ‘dreckigen’ Sieg über die Zeit zu bringen. »Der Ausgleich lag in der Luft und ist schlussendlich leider auch gefallen«, sagte Seoane. Schon fast tragisch war, dass der junge Chiarodia in seinem zweiten Bundesligaspiel für Borussia den Elfmeter verursachte, nachdem er zuvor gleich doppelt den Ausgleich verhindert hatte. Dass dann auch noch Vincenzo Grifo den Strafstoß verwandelte, obwohl der Ex-Borusse wie Manu Koné eigentlich gesperrt hätte zuschauen müssen, sorgte für einen wirklich bitteren Schlusspunkt und eine gefühlte Niederlage. 

»Wenn wir das ganze Spiel betrachten, ist das Unentschieden verdient und wir nehmen den gerechtfertigten Punkt gerne mit«, sagte Christoph Kramer. Dennoch waren sich alle der Tatsache bewusst, dass man einen Sieg aus der Hand gegeben hat, der in vielerlei Hinsicht ein Meilenstein gewesen wäre. »Wenn man 3:1 führt, sollte man auch die drei Punkte mitnehmen. Somit sind wir alle sehr enttäuscht«, sagte Julian Weigl abschließend. Und damit steht auch fest, dass vor dem nächsten Auftritt der Borussen in Freiburg wieder die Geschichte von Arie van Lents Tor aus dem Jahr 2002 aufgewärmt werden muss. 

 


von Marc Basten
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