Ein knappes Jahr ist es her, dass Rouven Schröder bei Borussia Mönchengladbach als Head of Sports eingestiegen ist. Schröder löste den unglückseligen Roland Virkus ab, nachdem kurz zuvor bereits Trainer Gerardo Seoane entlassen worden war und Borussia auf einem Abstiegsplatz stand. Schröder brachte allein durch seine kommunikativen Fähigkeiten, mit denen er seinem Vorgänger weit überlegen war, frischen Wind in den Klub. Schnell entwickelte sich der 50-Jährige zum Hoffnungsträger für den Neuaufbau, der seit Jahren angekündigt, aber nie konsequent vollzogen wurde.
Umbruch mit spitzem Bleistift
In Schröders zweiter Transferperiode als Verantwortlicher in Gladbach nahm er umfangreiche Veränderungen vor. Das zeigte, dass es ihm tatsächlich ernst ist mit der Neustrukturierung der Mannschaft. Gleichzeitig musste er sich gewissen Gegebenheiten in Gladbach beugen, die vor allem den finanziellen Spielraum betrafen. Borussia musste einen Transferüberschuss erwirtschaften, was die Bewegungsfreiheit auf dem Transfermarkt deutlich einschränkte. Dennoch agierte Schröder sehr forsch bei den Neueinkäufen und stellte den Kader im Vergleich zu den Vorjahren erstaunlich früh zusammen. Dass dabei keine Spieler aus dem obersten Regal geholt werden konnten, war angesichts der Umstände verständlich, dennoch erschienen die Zukäufe durchdacht.
Das größte Fragezeichen vor der Saison war die Trainerposition. Die Entscheidung des Vereins, mit Eugen Polanski in die neue Saison zu gehen, sorgte auf allen Ebenen für Bedenken – letztlich fiel die Wahl aber auch deshalb auf ihn, weil es an Alternativen fehlte. Schröder hatte sich durch die Installation neuer Co-Trainer allerdings ein Hintertürchen offengehalten. Zudem war er sehr nah an der Mannschaft und dem Trainerteam, sodass er nicht nur die tägliche Arbeit hautnah miterleben, sondern auch bei den strategischen Entscheidungen zumindest eingebunden sein konnte, auch wenn er letztlich nicht die grundsätzlichen Kompetenzen des Cheftrainers beschnitten hat.
Polanski als Wagnis mit Verfallsdatum
Schröder setzte darauf, dass es Polanski gelingen würde, mit dem neu zusammengestellten Kader den nächsten Schritt in Richtung offensiv attraktiveren Fußballs zu gehen. Dass dies eine Fehleinschätzung war, stellte sich schnell heraus, wobei klar wurde, dass es nicht allein an der Person Polanski lag, dass das vorgegebene Konzept nicht aufging. Vielmehr lag es daran, dass es angesichts der Qualität im Kader schlichtweg zu ambitioniert war, attraktiv spielen zu wollen. Polanski versuchte verzweifelt, an dem Konzept festzuhalten – was ihm nach nur drei Spieltagen derart um die Ohren geflogen ist, dass er seinen Job verlor.
Schröder hat nun mit dem Trainerwechsel seinen letzten Joker aus dem Ärmel gezogen. Mit der Installation von Alexander Blessin geht gleichzeitig die Abkehr vom ursprünglichen Konzept einher. Nun stehen wieder die Basics im Vordergrund, und niemand spricht mehr von attraktivem Offensivfußball, sondern es geht um defensive Grundlagen und schlichtweg das Überleben in der Liga.
Der letzte Joker
Die Frage bleibt, ob der unter anderen Voraussetzungen zusammengestellte Kader in der Lage ist, die geforderten Dinge umzusetzen und auf den Platz zu bringen. Mit Alexander Blessin hat man zumindest einen Trainer, der genau das schon unter ähnlich schwierigen Bedingungen nachgewiesen hat. Es wird sich jetzt zeigen, ob die veränderten Leitplanken für Borussia diesen Härtetest bestehen und der Klub zurück in die Spur kommt – oder aber aus der Kurve fliegt. Fest steht, dass Rouven Schröder nun mehr denn je in vorderster Front im Wind steht – und Erfolg und Misserfolg unmittelbar mit seiner Person verbunden sind.
von Marc Basten

