Rocco Reitz war in der Saison 2025/2026 so präsent wie nie zuvor – auf dem Platz, in der Außendarstellung und in den Diskussionen rund um Borussia Mönchengladbach. Als Eigengewächs, Identifikationsfigur und schließlich Kapitän rückte der 23-Jährige nach dem Ausfall von Tim Kleindienst in eine Rolle, die ihm im Grunde nicht zugedacht war – nämlich das Gesicht einer Mannschaft zu sein, die in sich alles andere als stabil war. Mit den besten Absichten versuchte Reitz, dieser Verantwortung gerecht zu werden, lud sich Themen auf, die über seine eigentliche Kernrolle hinausgingen – und verlor darüber Schritt für Schritt seine Form.
Sportlich blieb Reitz das, was ihn schon zuvor ausgezeichnet hatte: ein nimmermüder Antreiber, der mit Laufbereitschaft, Aggressivität gegen den Ball und seiner Mentalität immer wieder Impulse setzte. Über die gesamte Saison hinweg stopfte er Lücken, jagte zweiten Bällen hinterher und war als „Arbeitsbiene“ im Pressing und Gegenpressing nahezu omnipräsent. In der Hinrunde unterstrich er zudem seine physischen Qualitäten: Mit einer Topgeschwindigkeit von 35,63 km/h zählte er zeitweise zu den zehn schnellsten Spielern der Bundesliga. Sein bestes Spiel machte er beim 1:0-Sieg gegen Dortmund am 32. Spieltag, als er im Mittelfeld als „Motor“ fungierte, permanent für Anspielbarkeit sorgte und den Siegtreffer blitzschnell vorbereitete – folgerichtig stand am Ende die TF-Note 1,5 in der Einzelkritik.
Die Entscheidungsfindung wurde zu einem Problem
Doch je größer im Saisonverlauf die Lücke wurde, die der langfristige Ausfall von Kleindienst im Gerüst der Mannschaft riss, desto mehr drängte sich Reitz selbst in eine Rolle, die nicht zu seinem Profil passte. Als Kapitän sollte er plötzlich nicht nur emotional vorangehen, sondern auch das Spiel lenken, Ruhe ausstrahlen und in schwierigen Phasen die richtigen Entscheidungen treffen. In Partien, in denen die Borussia kollektiv auseinanderfiel – etwa beim 4:6 gegen Frankfurt oder dem 1:5 in Hoffenheim – wirkte Reitz in dieser Funktion zunehmend überdreht und „vogelwild“. Er rannte, anstatt zu steuern, suchte Lösungen mit dem Kopf durch die Wand und produzierte in seinem Übereifer technische Fehler, die man zuvor so nicht von ihm kannte. Die Entscheidungsfindung wurde zu einem Problem: Statt der klaren Lösung wählte er zu häufig den komplizierten Weg, was sich in unnötigen Ballverlusten und schwachen Passquoten – etwa 69 Prozent im Derby gegen Köln – niederschlug.
Hinzu kam, dass Reitz im Versuch, alles zu regeln, auch an der Grenze der Disziplin agierte. Die Liste der Verwarnungen wurde länger, einige Gelbe Karten waren dem Frust wie der übersteigerten Emotionalität geschuldet. Besonders unglücklich war eine Schwalbe gegen Union Berlin, die ihm ebenso Gelb einbrachte wie eine Serie taktischer Fouls in Phasen, in denen er im Zentrum kaum noch Zugriff bekam. Passend dazu eine Rote Karte im Duell beim FC Bayern am 26. Spieltag – eine Szene, die den ohnehin schmalen Grat zwischen seinem bedingungslosen Einsatz und der fehlenden Kontrolle über Emotion und Timing deutlich machte.
Für einige ist Reitz der Verräter an der eigenen Geschichte
Spätestens in der Rückrunde bekam die Saison von Rocco Reitz eine zusätzliche, ungemütliche Ebene. Die Nachricht, dass der Ur-Borusse im Sommer zu RB Leipzig wechseln würde, schlug bei einem Teil der Anhängerschaft hohe Wellen. Aus dem Gesicht der Borussia wurde für einige auf den Rängen der Verräter an der eigenen Geschichte; Pfiffe, kritische Banner und eine zunehmend frostige Grundstimmung begleiteten seine Auftritte. Übersehen wurde dabei, dass dieser Transfer für Borussia fast schon überlebenswichtig war. Reitz versuchte, dagegen anzulaufen, suchte weiterhin jede Verantwortung und wollte im Abstiegskampf vorangehen – doch auf dem Platz gelang ihm der Spagat zwischen Loyalität, eigener Karriereentscheidung und der ohnehin schwierigen Rolle als Kapitän nicht so ganz.
Am Ende steht eine Statistik, die die Zerrissenheit seiner Saison treffend widerspiegelt. Neben 31 bewerteten Spielen fehlte Reitz lediglich dreimal – zweimal gesperrt, einmal am 34. Spieltag erkrankt – und war damit ein echter Dauerbrenner. Aller Präsenz zum Trotz ergibt sich mit einem Notenschnitt von 3,69 eine unbeständige Spielzeit, geprägt von extremen Ausschlägen: stark in Top-Spielen wie gegen Dortmund (1,5) oder Stuttgart (2,5), aber ebenso Teil kollektiver Totalabbrüche, in denen er viermal die Note 5,0 kassierte. Bis zu seinem Abschied blieb er der wichtigste energetische Faktor im Gladbacher Mittelfeld, doch die Saison machte auch klar, dass seine Stärken als emotionaler Antreiber besser zur Geltung kommen, wenn er sich nicht zu viel Verantwortung aufbürdet. In Leipzig dürfte er es diesbezüglich einfacher haben.
von Marc Basten

