Es war ein emotionaler Moment im Borussia-Park, als Tim Kleindienst in der 86. Minute eingewechselt wurde und unter dem tosenden Applaus des Publikums auf den Platz sprintete, als ob er die Saison noch im Alleingang retten müsste. In diesem Moment wurde einem bewusst, was der Mannschaft in den vergangenen Monaten für ein Typ gefehlt hatte. Kurz darauf erzielte Robin Hack, der eine ähnliche Leidenszeit wie Kleindienst überwunden zu haben scheint, das Tor zum 4:0 und löste damit nochmals befreiende und ausgelassene Freude auf dem Platz und den Rängen aus.
Das 4:0 gegen Hoffenheim in einem Spiel, das wenig mit einem lockeren Saisonausklang zu tun hatte, sondern ein von beiden Seiten intensiv geführtes Duell war, sorgte für einen versöhnlichen Abschluss einer »Scheißsaison«, wie es Tim Kleindienst später treffend formulierte. Die tristen Wochen und Monate konnten gedanklich beiseitegeschoben werden. Rouven Schröder sprach nach dem Schlusspfiff das aus, was auch als Handlungsempfehlung für die Gladbacher Anhänger dient: »Wir werden jetzt erstmal als Klub innehalten, mal zwei, drei Bitburger mehr trinken, um einfach mal runterzukommen.«
Pragmatismus statt Gefühlsduselei
Schönreden darf man sich die Saison natürlich trotzdem nicht. Zwar könnte man den Ernst der Lage nach den zwei starken Heimsiegen zum Saisonabschluss etwas verniedlichen, doch die Gefahr, dass Borussias sportliche Leitung nun in Gefühlsduselei verfällt, scheint nicht gegeben. »Gefühle sind immer ein schlechter Ratgeber«, sagte Schröder. »Wir werden sehr pragmatisch bleiben«, ergänzte er mit Blick auf die anstehende Saisonanalyse. »Es gab gute Dinge, aber auch viele Dinge, die wir besser machen wollen und auch müssen. Es ist schade, wenn du so viel Potenzial hast und es im Endeffekt nicht auf den Platz bringst.«
Die Neuausrichtung für die kommende Saison wird als Erstes die Trainerposition betreffen. Kommt ein neuer Trainer oder geht es, allen Erwartungen zum Trotz, mit Eugen Polanski weiter? Auch nach dem Abschlussspiel klammerte Schröder das Thema aus. »Es gibt keine Timeline«, antwortete er auf die Frage, in welchem Zeitrahmen eine Entscheidung verkündet wird. »Wenn wir etwas haben, geben wir es auch bekannt. Wir müssen nicht länger warten als nötig, aber wir machen es sehr sorgfältig.«
Umbau mit Ideen, aber vielen Fragezeichen
»Wir werden uns Zeit nehmen, Dinge zu besprechen, und uns voll Überzeugung für die neue Saison auszurichten«, so Schröder. Neben der Trainerfrage und der damit verbundenen grundsätzlichen Ausrichtung wird es Veränderungen im Kader geben. »Wir haben viele gute Ideen auf dem Transfermarkt, was die Zugangsseite betrifft. Ob das alles klappt, wird man sehen«, sagte Schröder. Der Umbau wird auch entscheidend davon abhängen, was sich auf der Abgangsseite tut.
In den nächsten Wochen wird in Mönchengladbach zwar kein Bundesligafußball gespielt, aber dennoch sind es enorm wichtige Monate, in denen die Weichen für die Zukunft gestellt werden müssen. Doch für einen kurzen Moment dürfen alle innehalten, das 4:0 gegen Hoffenheim registrieren und sich freuen, dass man diese Saison noch glimpflich überstanden hat.
von Marc Basten

