Erinnerungen an den Bökelberg

»Der Flutlichtmast gehört zum Dorf, wie die Kirche«

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Ein imposantes Bild: Der Flutlichtmasten im eigenen Garten (Foto: TORfabrik.de)

Borussenfans im Saarland haben seit einiger Zeit selbstangefertigte Flutlichtmasten in ihren Gärten stehen und lassen so die Erinnerungen an den altehrwürdigen Bökelberg tastbar fortleben.

Wer sich schonmal die Sendung ‘Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs’ beim WDR anschaut, dem muss die Bürolampe in Form eines Flutlichtmasten des Bremer Weserstadion aufgefallen sein. Eine noch schönere Bereicherung für jeden Tisch wäre natürlich ein Kleinformat-Nachbau eines Masten des Bökelbergs. Sollte Borussia solch einen Artikel irgendwann mal im FohlenShop anbieten, wäre das wohl ein Verkaufsschlager. Wer möchte nicht ein Stück Bökelberg in seinem Büro oder Wohnzimmer?

Eine ähnliche Idee hatten der Luxemburger VfL-Fan Fernand Weibel (59) aus Perl-Sinz und sein Freund, Schlossermeister Michael Nilles (58) aus Perl-Oberleuken. Allerdings in einer etwas anderen Größenordnung: Sie dachten an Bökelberg-Flutlichtmasten in ihren Gärten!

Doch der Reihe nach. Dass Weibel und Nilles zu Gladbachfans wurden, lag an Günter Netzer bzw. Rainer Bonhof. Weibel sah damals in der Sportschau diesen außergewöhnlichen Spieler mit den langen Haaren, seinen großen Schritten und genialen Pässen. Weibel: »Netzer hat mich ganz einfach fasziniert und tut es heute noch. Michael empfand sozusagen das gleiche für Bonhof. So wurden wir Borussen-Anhänger.«

Beide kommen aus kleinen Dörfern, aus Garnich in Luxemburg bzw. aus dem beschaulichen Oberleuken im Saarland. »Ich spielte von 10 Jahren an im Nachbardorf Koerich Fussball, Michael in Oberleuken. Damals war man entweder für Köln, Schalke, Bayern oder eben Gladbach. Wir hatten also schon die richtige Wahl getroffen!« So kam es, dass Weibel am 20. September 1975 zum allerersten mal auf den Bökelberg war. Sein Verein Koerich organisierte eine Busreise in die Fußballhauptstadt Mönchengladbach. Der damalige Präsident des luxemburgischen Meisters Avenir Beggen, Theo Mersch, pflegte gute Kontakte zu Helmut Grashoff und so kamen diese regelmäßigen Reisen zustande.

Weibel: »Als wir dann zum Spiel gegen Bayern München fuhren, war das schon etwas ganz besonderes - ich fieberte schon Wochen vorher der Reise entgegen. Endlich mal den Bökelberg live erleben, ich war ja noch nie in so einem großen, berüchtigten Stadion. Wir kamen in Gladbach an und gingen erstmal ins ‘Alt Eicken’ zum essen. Dann zu Fuß hoch zum Bökelberg, es war ein aufregendes Ereignis. Und was sah man da als erstes? Den Flutlichtmasten vom Stadion - das war sowas von beeindruckend. So große Scheinwerfer hatte ich noch nie gesehen. Dieser Anblick hat mich damals fasziniert, das ganze Stadion hatte mich in seinen Bann gezogen und nie wieder losgelassen!« Ähnlich erging es seinem Freund Michael Nilles.

»Ich habe damals auch immer wieder versucht, dieses Stadion mit Lineal und Bleistift zu zeichnen. Die Faszination Bökelberg besteht bei mir und Michael bis heute noch«, so der Luxemburger, der 2008 nach Sinz ins Saarland zog. Weil in fast jedem Dorf Gladbachfahnen in den Hausgärten zu sehen sind, fand er schnell Anschluss. So lernte er dann auch Michael Nilles aus dem Nachbardorf Oberleuken kennen, man sah sich regelmäßig und war sofort auf einer Wellenlänge. »Wir sind Bökelberg- und Borussiafans. Michael fuhr als Jugendlicher auch regelmäßig nach Gladbach. So sind wir also Freunde geworden«, erzählt der 59-Jährige. Ein Thema begeistert die beiden bis heute noch: der Bökelberg!

Im Jahr 2019 hatte Weibel dann eine verrückte Idee. Er fragte seinen Kumpel, der einen eigenen Schlossereibetrieb hat, ob er sich vorstellen könnte, einen Flutlichtmasten für den Garten zusammen zu schweißen. Aus Metall und mit richtigen Scheinwerfern dran, fast 9 Meter hoch. Die Ehefrauen schüttelten den Kopf als sie vom Vorhaben hörten. Aber gesagt, getan!

Es folgten viele Stunden am Computer um Bildmaterial zu sichten, damit sich die beiden einen genauen Eindruck verschaffen konnten, wie die Flutlichtmasten am Bökelberg im Detail aussahen. Sie wollten sie so gut es ging originalgetreu nachbauen. Nachdem die Vorarbeiten erledigt waren, ging es an die Produktion. Das machte Nilles neben seiner täglichen Arbeit. Zunächst schweißte er das Gestell für das Flutlicht zusammen und seine Angestellten wunderten sich, was ihr Chef da machte. »Was soll das werden?«, fragte einer. »Ein Flutlichtmast«, antwortete Nilles. Entsprechend groß war das Staunen.

Viel Zeit und Arbeit investierte der 58-jährige Schlossermeister in den Bau, es perlten Schweißtropfen im wahrsten Sinne des Wortes. Hilfe bekam er dabei von seinem Sohn Tom, der in der von ihm trainierten ersten Mannschaft der SG Obermosel spielt. Ein paar Wochen dauerte es, bevor Nilles mit dem Gestell bei Weibel in Sinz vorbeikam. Dessen Gattin Netty erklärte die beiden für verrückt und fragte, wo das Ding überhaupt hin sollte. »In euren Garten«, lautete die Antwort, wie selbstverständlich. »Einen hier und einen bei mir.«

Über Amazon wurden 24 Scheinwerfer bestellt, 12 für den Standort Sinz und 12 für Oberleuken. Ein anderer Gladbachfan, Paul Wirth aus Luxemburg und Elektriker von Beruf, schloss die Scheinwerfer an. Das Projekt nahm jetzt reale Formen an.

Im September letzten Jahres war es dann soweit. Nilles kam mit vier Mitarbeitern aus seiner Schlosserei vorbei um den Flutlichtmast aufzurichten. Die Spannung war riesengroß, doch es klappte auf Anhieb. »Michael hatte an alles gedacht und nach zwei Stunden stand das Ding ... und leuchtete!«, schildert Weibel stolz. Der ganze Aufwand hatte sich gelohnt. Seit kurzem stehen in Perl-Sinz, sowie in Perl-Oberleuken jeweils ein Flutlichtmast, ziemlich originalgetreu. Doch das reicht den beiden nicht.

Direkt nachdem der Mast in Weibels Garten aufgebaut war und in voller Pracht strahlte, kündigte Nilles die nächsten Pläne schon an: »So, das ist hier jetzt der erste von den vier Flutlichtmasten, die wir bauen.« Auch über Hinweisschilder im Dorf und einen Nachbau der alten Anzeigetafel wird schon ernsthaft nachgedacht. Die Ehefrauen haben es wohl längst akzeptiert. Was ist jedoch mit den Instanzen? Weibel erklärt: »Bei uns im Dorf geht es nach dem Motto: wo kein Kläger, da kein Richter! Und wir haben sehr gute Nachbarn, denen ist das so ziemlich egal. Ich hatte sie vorher darüber informiert, der Flutlichtmast gehört mittlerweile schon zum Dorf, wie die Kirche.«

Fehlen ihm Flutlichtmasten im Borussia-Park? »Irgendwie schon, es hat vor allem bei Abendspielen etwas magisches, wenn man von weitem schon das Licht sieht und du schneller läufst, je näher du rankommst. Leider gibt es in den heutigen Stadien nur noch selten Flutlichtmasten. In Gedenken an den altehrwürdigen Bökelberg hätte ich mir gewünscht, dass man dort einen Originalmasten hätte stehen lassen. Doch auch am Borussia-Park würde eine Nachbildung gut zu Gesicht stehen. Wir sind bereit!«

 


von Jan van Leeuwen

 

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