Es ist ein Ende, das man in dieser Form kommen sah – nur eben schneller, brutaler und mit einer Fallhöhe, die überrascht hat. Nach dem 0:5-Debakel beim SC Freiburg und null Punkten aus drei Spieltagen ist Eugen Polanski als Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach Geschichte. Bei minus neun Toren Differenz und teilweise erschreckenden Auftritten blieb dem Verein am Ende keine andere Wahl mehr, ganz gleich, ob man es nun als Rücktritt oder als Entlassung einordnen will.
Wir haben an dieser Stelle bereits im Mai geschrieben, dass es sich beim Festhalten an Polanski um ein »riskantes Experiment« handelt – und explizit widersprochen, als Rouven Schröder genau das Gegenteil behauptete. Diese Einschätzung an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen, ist kein Selbstzweck. Sie ist der Ausgangspunkt für die eigentlich entscheidende Frage: Wie konnte man sich auf ein Experiment einlassen, dessen Scheitern so absehbar war?
Schröder hat einen entscheidenden Baustein seiner eigenen Strategie ignoriert
Damit rückt zwangsläufig Rouven Schröder in den Fokus. Der Sportchef hat sich ganz offensichtlich von den beiden guten Heimspielen zum Saisonende gegen Dortmund und Hoffenheim blenden lassen. Anstatt nach der Saison einen klaren Schlussstrich zu ziehen und den Neuaufbau auf allen Ebenen einzuleiten, entschied sich Schröder dafür, sehenden Auges ins Risiko zu gehen. Er nannte es damals ausdrücklich kein Experiment. Es war eines, und zwar exakt das riskante, vor dem zu warnen war.
Die Ironie dabei: Schröders Kommunikationsstil und sein strukturierter Umbau des Kaders waren und sind Pluspunkte. Doch ein Sportchef, der »Leitplanken« errichtet und einen mutigeren, offensiveren Spielstil einfordert, ohne sicherzustellen, dass sein Trainer diesen Spagat zwischen Offensivdrang und defensiver Stabilität überhaupt beherrscht, hat einen entscheidenden Baustein seiner eigenen Strategie ignoriert.
Eine Überforderung, die niemand übersehen konnte
Dabei steht nicht zur Diskussion, ob Polanski nun ein guter oder schlechter Trainer ist. Es geht vielmehr darum, dass die Aufgabe, den Umbruch in Mönchengladbach zu gestalten, sehr komplex und kleinteilig ist. Das kann nur ein Trainer stemmen, der fachlich top ist, einzelne Spieler besser machen kann und vor allem die Fähigkeit hat, die Charaktere innerhalb einer Mannschaft so einzuschätzen und zu führen, dass da wirklich eine Mannschaft zusammenwächst.
Die letzte Saison hat schon gezeigt, dass Polanski mit dem großen Ganzen überfordert ist. Die Annahme, dass sich das durch eine Sommervorbereitung und viele neue Spieler ohne Bundesligaerfahrung ändern könne, war mehr als gewagt. Als begeisterungsfähiger »Menschenfänger« entpuppte sich Polanski wenig überraschend nicht. Sportlich kann das Festhalten an der nicht funktionierenden offensiven Herangehensweise nur mit einer Mischung aus Sturheit und Naivität erklärt werden. Der innerhalb der Mannschaft bereits als toxisch zu bezeichnenden Stimmung hatte Polanski zudem nichts entgegenzusetzen.
Borussia mit dem Rücken zur Wand und Schröder unter Druck
Nach der Klatsche in Freiburg gab es keine andere Möglichkeit, als die Notbremse zu ziehen. Dass Polanskis Vorgänger Gerardo Seoane vor einem Jahr exakt zum gleichen Zeitpunkt der Saison gehen musste, macht die Sache für Borussia nicht weniger bitter. Im Gegenteil: Es zeigt, dass der Klub zum zweiten Mal in Folge mit dem Rücken zur Wand steht, bevor der Herbst überhaupt richtig begonnen hat.
Für Schröder bedeutet das nun den Druck, diesmal keine Kompromisslösung auf der Trainerposition zu präsentieren, sondern jemanden, der die eigene fußballerische Idee auch tatsächlich umsetzen kann. Dass man die Trainersuche mit einigen Bauchschmerzen begleiten muss, liegt daran, dass Schröder bei seinen früheren Stationen im Hinblick auf die Trainerwahl alles andere als ein gutes Händchen bewiesen hat. Ein neuerlicher Fehlgriff des Sportchefs könnte für die taumelnde Borussia verheerende Folgen haben.
von Marc Basten

