Nun geht es also doch weiter mit Eugen Polanski. Was vor wenigen Wochen nahezu unmöglich erschien, ist inzwischen eingetreten. Es ist eine Entscheidung von Sportchef Rouven Schröder und den Gremien, der man folgen kann, aber definitiv nicht muss. Wer die Berichterstattung auf TORfabrik.de verfolgt hat, weiß, dass wir Polanski sachlich-fachlich eher kritisch sehen und ihm den anstehenden Neuaufbau in dieser exponiert verantwortungsvollen Rolle nicht zutrauen.
Rouven Schröder hat seine Gründe vorgetragen. Zunächst einmal ist es positiv, dass der Sportchef kommunikativ deutlich klarer agiert als sein Vorgänger. Damals waren die Verlautbarungen zu den Saisonanalysen wenig konkret – mehr als die Ankündigung, an einigen Stellschrauben drehen zu wollen, kam nicht dabei heraus. Schröder ist da wesentlich direkter, nennt die offensichtlichen Missstände beim Namen und leitet Maßnahmen ein, diese zu beheben.
Klare Ansagen, konkreter Plan
Die ersten Transfers sind bereits erfolgt, und vieles sieht nach einem konkreten Plan aus, anstatt darauf zu hoffen, dass irgendwo die richtigen Dominosteine umfallen und sich die Gelegenheit für einen Schnapper ergibt. Die neue Ausrichtung von Borussia Mönchengladbach wird maßgeblich von Rouven Schröder geprägt – er hat die viel zitierten Leitplanken errichtet. Auch fußballerisch gibt es klare Ansagen: Viererkette und ein mutigerer Spielstil sollen die Marschroute vorgeben.
Umsetzen soll dies Cheftrainer Eugen Polanski mit einer veränderten Mannschaft und einer noch nicht näher benannten externen Unterstützung im Trainerteam. »Das ist kein Experiment«, sagte Schröder am Mittwoch zum Plan, mit Polanski weiterzumachen. Dem darf man getrost widersprechen: Es ist ein Experiment – und zwar ein sehr riskantes.
Zwischen Vertrauensvorschuss und Realität
Natürlich kann man der Argumentation folgen, Polanski sei in einer schwierigen Situation ins kalte Wasser geworfen worden, er habe das Ziel Klassenerhalt erreicht, und man müsse einem jungen Trainer auch Fehler zugestehen. Andererseits darf man nicht ausblenden, welche Entwicklung die Mannschaft unter Polanski genommen hat – oder eben nicht. Als Polanski Ende Oktober nach der Niederlage gegen die Bayern einen Neustart ausrief und die Serie startete, die letztlich überlebenswichtig war, konnte man den Eindruck gewinnen, dass der neue Trainer die Mannschaft »gepackt« hätte.
Doch als Polanski die nächsten Schritte gehen wollte, wurde es kompliziert. Es gelang ihm nicht, aus der Unwucht im Kader eine stabile Einheit zu formen. Es gab Ansätze hinsichtlich der Grundausrichtung und der Positionierung einzelner Spieler, aber das Konstrukt blieb fragil. War man in der Weihnachtspause noch davon ausgegangen, dass alles so gefestigt sei, dass man sich weiter konsolidieren könne und mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun haben würde, folgte im neuen Jahr ein böses Erwachen. Borussia taumelte am Rande des Abgrunds – hätte es gegen Union Berlin Ende Februar nicht den ersten Sieg in der Rückrunde gegeben, wäre Polanskis Zeit in Gladbach bereits abgelaufen.
Gerettet, aber nicht überzeugt
Wie sich Borussia und Polanski durch die nächsten Monate gequält haben, war in jeder Beziehung grenzwertig. Dass man sich letztlich über die Ziellinie geschleppt und den Abstieg vermieden hat, ist mehr den noch schwächeren Konkurrenten als der eigenen Stärke zu verdanken. Darüber dürfen auch die beiden positiven Ausreißer am Ende gegen Dortmund und Hoffenheim nicht hinwegtäuschen. Eugen Polanski hat zwar seine Mission erfüllt, aber die Zweifel bleiben, ob er wirklich der Trainer ist, den Borussia Mönchengladbach benötigt, um sich erfolgreich innerhalb der Schröder'schen Leitplanken zu entwickeln.
Dass Schröder die Trainerfrage sehr lange bewusst offengelassen hat, ist mehr als nur ein Indiz dafür, dass auch der Sportchef seine Zweifel hatte – oder noch hat. Wie zu erfahren war, wären die Gremien sehr offen für eine andere Lösung gewesen. Dass man nun den gemeinschaftlichen Entschluss gefasst hat, mit Polanski weiterzumachen, soll demnach hauptsächlich der Tatsache geschuldet sein, dass die Alternativlösungen aus unterschiedlichen Gründen nicht voll überzeugend oder realisierbar waren. Und wer von außen auf den Trainermarkt blickt, erkennt schnell: Die offensichtliche Top-Lösung gibt es dort auch nicht.
Pragmatismus mit Risiko
Rouven Schröder ist einer, der Tatsachen schafft. Der Move mit Polanski ist gewagt, hat aber auch etwas mit Pragmatismus zu tun. Weil kein »starker« Trainer von außen kommt, der möglicherweise zu viele eigene Ideen mitbringt und die neuen Leitplanken gleich wieder ad absurdum führt, behält Schröder mehr Kontrolle – und mehr Macht. Er trägt damit gleichzeitig eine immer größere Verantwortung und muss sich dieser stellen. Der Kader wird zu einem Großteil ein Schröder-Kader sein, mit ein paar zwangsweise übernommenen Altlasten, und der Trainer ist ab sofort nicht mehr der »Junge aus der U23«, sondern ein Schröder-Trainer.
Rouven Schröder hat Borussias Kommunikation mit Authentizität, Selbstkritik und Transparenz deutlich aufgewertet. Er hat klar gemacht, dass es Veränderungen geben muss, und einem »Weiter so« eine deutliche Absage erteilt. Erste Taten hat er seinen Worten folgen lassen – und auf allen Ebenen bleibt noch viel zu tun. Die Trainerfrage hat Schröder von seiner To-do-Liste abgehakt. Ob es der Haken an der richtigen Stelle war, wird sich zeigen. Es ist und bleibt ein riskantes Experiment.
von Marc Basten

