Wer Borussia Mönchengladbach schon länger verfolgt, hat mittlerweile ein gewisses Gespür entwickelt, wenn er sich die ersten Minuten eines Spiels mit Gladbacher Beteiligung anschaut. Gerade auswärts weiß man schon recht schnell einzuordnen, wohin die Reise gehen wird, falls nicht komplett verrückte Dinge passieren. Am Mittwoch in Sinsheim dauerte das sogar nur wenige Sekunden, als Nicolas im Anschluss an den eigenen Anstoß von Asslani zu einem Pressschlag genötigt wurde.
»Wir waren einfach kollektiv nicht da«, sagte Sportchef Rouven Schröder später. Er bemängelte »Zweikampfverhalten, Körpersprache, Grundbereitschaft - und das fängt schon mit dem ersten Ball an«. Die Borussen gingen mit derart vollen Hosen in die Partie, dass einem Böses schwante. Die Hoffenheimer stürzten sich mit viel Enthusiasmus auf den harmlosen Gegner, der sich gegen das Pressing nicht mal im Ansatz wehren konnte. »Du musst den Spielern folgen, die Lücken eng halten, im Verschieben intensiv sein und die Zweikämpfe führen«, sagte Rocco Reitz bei Sky. »Aber die 50:50-Dinger haben wir verloren, weil wir einfach nicht durchziehen.«
»Besser Fußball spielen und mit Sicherheit besser verteidigen«
Auch die Versuche, sich bei eigenem Ballbesitz aus dem Druck zu befreien, scheiterten kläglich. »Wenn du so gepresst wirst, musst du sofort Angebote schaffen und jeder muss sich bewegen«, sagte Reitz. Doch zumeist war der Ball spätestens nach dem dritten Kontakt wieder in den Reihen der Hoffenheimer, die teilweise Katz und Maus mit ihren überforderten Kontrahenten spielten. Die Führung durch Kramaric war überfällig, auch wenn dazu ein aus Gladbacher Sicht etwas unglücklicher Elfmeter herhalten musste. Doch nur wenige Momente später spazierten die Hoffenheimer durch den passiven Defensivverbund der Fohlen und mit dem 2:0 nach 24 Minuten war die Partie schon gelaufen.
Eugen Polanski schaute sich derweil mit versteinerter Miene an, wie sich seine Mannschaft vorführen ließ. Er hatte sich bei der Aufstellung dazu entschieden, Neuhaus und Netz draußen zu lassen und dafür Castrop und Ullrich zu bringen. »Die Umstellungen hätten uns eigentlich guttun können, um mehr Zweikampfstärke, mehr defensives Denken und gleichzeitig mehr Tempo im Umschalten zu haben – aber dafür müssen wir besser umschalten, besser Fußball spielen und mit Sicherheit besser verteidigen«, fasste er Coach zusammen.
»Das hat etwas mit Mentalität zu tun – das habe ich der Mannschaft auch gesagt«
In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit durfte Kramaric zwei Tore nachlegen – jeweils begleitet von den besten Wünschen der Gladbacher Abwehrstatisten. »Wenn wir hier aber nur mit 50, 60, 70 Prozent auftauchen und uns dann wundern, dass wir in der ersten Halbzeit vier Dinger kassieren, dann ist das überhaupt nicht zufriedenstellend«, so Polanski weiter. »Das hat etwas mit Mentalität zu tun – das habe ich der Mannschaft auch gesagt.«
Im zweiten Durchgang wurde es dann ein wenig besser, was aber vor allem daran lag, dass Hoffenheim angesichts der klaren Führung nicht mehr mit der letzten Intensität zu Werke ging. Dennoch hatten die Gastgeber noch mehrere vielversprechende Chancen und erzielten auch noch ein Tor, nachdem Machino auf der anderen Seite die einzig wirkliche Gladbacher Torchance genutzt hatte.
Es gibt nichts schönzureden
Die Leistung nach der Pause gab es nicht her, daraus irgendwelche Legenden zu stricken. Das stellte auch Polanski klar: »Wenn es drauf ankommt und wir den nächsten Step machen wollen, sind wir gerade nicht da – wahrscheinlich sind wir zu weich, wahrscheinlich reden wir immer alles positiv – jetzt ist Schluss damit. Heute reden wir die zweite Halbzeit nicht positiv, sondern sehen die schlechte erste Halbzeit.«
»Wir waren schlecht, unsere Fans überragend«, sagte Polanski. Der Auftritt in Hoffenheim wird aufgearbeitet werden müssen, aber in der englischen Woche bleibt nicht viel Zeit. »Das Beste, was uns jetzt passieren kann, ist am Samstag in Hamburg anzutreten«, sagte Polanski. Sofern das Spiel stattfinden kann. »Ich habe nichts anderes gehört, also gehe ich davon aus, dass wir spielen«, meinte Polanski. »Dann werden wir eine andere Reaktion zeigen, eine andere Mannschaft sehen – oder die gleiche Mannschaft mit anderen Qualitäten, weil wir es können.«
von Marc Basten

