Nachdreher aus Stuttgart

Borussia sendet ein unerwartetes Lebenszeichen

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Unerwartete Emotionen – nicht nur bei Florian Neuhaus (Foto:Christian Kaspar-Bartke - Getty Images)

Borussia Mönchengladbach gewinnt trotz aller negativen Vorzeichen beim VfB Stuttgart und sorgt damit für etwas Aufhellung der »Totengräberstimmung« (O-Ton Alexander Blessin), die sich in und um Mönchengladbach breitgemacht hat. Dieser Sieg könnte tatsächlich ein Wendepunkt sein – nicht nur wegen der drei Punkte.

Fußball ist schon ein eigenartiger Sport. Er ist so berechenbar, dass sich die Gladbach-Fans am Freitagabend im Stuttgarter Stadion und vor den TV-Geräten nach zwanzig Minuten unisono die Frage stellten, warum sie sich dieses Spiel überhaupt antun und die kostbare Lebenszeit nicht für etwas viel Sinnvolleres nutzen. Man war als punktloser Tabellenletzter mit zehn verletzten Spielern zu einem Champions-League-Klub angereist, und nach fünf Minuten lag man nach wieder einmal schwachem Abwehrverhalten und einem Patzer von Moritz Nicolas hinten. Der VfB drängte auf das zweite Tor, die Borussen wackelten und bekamen gefühlt keinen Fuß auf den Boden.

Für Stuttgart lief alles nach Plan und für Gladbach irgendwie auch. Man würde den Start-Negativrekord über sich ergehen lassen und sich weiter mit dem Gedanken anfreunden, dass in dieser Saison das Unausweichliche eintritt. Wer kurz vor 21 Uhr am Freitagabend gesagt hätte, dass Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß nach dem Spiel seinem Kollegen Alexander Blessin zu einem »verdienten Sieg« gratulieren würde, wäre wegen Unzurechnungsfähigkeit eingewiesen worden.

Eine Wendung, die niemand auf der Rechnung hatte

Doch Fußball ist nun einmal ein eigenartiger Sport. Ohne dass man es wirklich packen oder erklären konnte, nahm das Spiel eine schleichende Wendung. Der VfB ließ etwas nach und die Borussen kamen ein wenig auf. Sie gewannen allmählich mehr Zweikämpfe, wurden für die Stuttgarter immer unangenehmer und begannen auch selbst, Fußball zu spielen. Plötzlich war nach Ballgewinnen Zug in den Aktionen, man wurde mutiger und dynamischer mit Ball.

Der Ausgleichstreffer durch Scally war angesichts der sich verschiebenden Kräfteverhältnisse nicht unverdient und kam dennoch überraschend. Er führte dazu, dass die Stuttgarter ins Grübeln kamen, während die Borussen nicht in die sonst übliche Passivität verfielen. Sie stressten den Gegner, der letztlich Glück hatte, mit dem Remis in die Pause zu gehen: Mohya verpasste mit seinem Lattenschuss die Gladbacher Führung nur knapp und Bolin hätte den Rebound eigentlich auch nutzen müssen.

Geschlossen an und über die Grenzen

»Die Pause kam für uns eigentlich zu früh«, sagte Alexander Blessin später. Obwohl der Trainer seine Männer in der Pause beschwor, in der zweiten Halbzeit nicht nachzulassen und weiter alles reinzuwerfen, machten die Erfahrungswerte nicht viel Mut. Nicht erst in jüngster Zeit starten die Borussen stets gehemmt in eine zweite Halbzeit, um dann sukzessive weiter abzubauen, weil neben dem Kopf auch der Körper nicht mehr mitspielt. Warum sollte das ausgerechnet an diesem Abend anders sein?

Auch auf diese Frage gibt es keine wirkliche Antwort. Es war anders, weil es anders war. Weil die Köpfe oben blieben, weil Engagement und Mut vorhanden waren und eine mannschaftliche Geschlossenheit in einer Art und Weise zu erkennen war, die man diesem Team nicht zugetraut hätte. Exemplarisch sei ein Florian Neuhaus genannt, der nach pomadiger Anfangsphase plötzlich eine Bissigkeit und Aggressivität entwickelte, die einen ins Staunen versetzte. Aber durchweg gingen alle Spieler gemeinschaftlich an und über ihre Grenzen.

Mentalität und Hartnäckigkeit

»Wir sind über die 100 Prozent gegangen«, sagte Blessin. Mohya düpierte zwei Stuttgarter und legte Machino zum 2:1 auf – Borussia führte in der 51. Minute. Während die Fragezeichen bei den Stuttgartern größer wurden und frische Kräfte von der Bank kamen, widerstanden die Borussen dem Reflex, sich nun komplett zurückzuziehen, um die Führung zu verteidigen. Sie blieben dran, schoben immer wieder raus und stressten die Stuttgarter. Der läuferische Aufwand war enorm – am Ende wies die Statistik eine Laufleistung von unglaublichen 128 Kilometern aus.

Die Belohnung war das 3:1 in der 66. Minute, das letztlich mit viel Hartnäckigkeit erzwungen wurde. In dieser Situation zu bleiben und nicht abzuschalten, war sinnbildlich für den Unterschied der Mentalität an diesem Abend gegenüber der in den Vorwochen. Hätte Mohya den schönen Chipball von Scally nicht über die Linie gedrückt, wäre Machino auch zur Stelle gewesen. Wo sonst niemand war, waren diesmal zwei – das war bezeichnend für den Gladbacher Auftritt.

Eine Mannschaft »mit dem Arsch an der Wand« lebt noch

Natürlich wusste jeder, der sich irgendwie mit Borussia beschäftigt, dass ein 3:1 nach 66 Minuten gar nichts zählt – Elversberg lässt grüßen. Deshalb war es umso erstaunlicher, dass die Spieler nicht plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekamen, sondern mit Herz und Verstand dafür kämpften, sich nicht wieder selbst um den Erfolg zu bringen. Die Leidenschaft war zugleich beeindruckend und unerwartet. Dennoch wurde es noch mal richtig eng, als Demirovic in der 83. Minute der Anschlusstreffer gelang. Die letzten zehn Minuten inklusive Nachspielzeit wurden zu einer Zitterpartie, in der die Borussen tatsächlich über ihre Grenzen hinausgingen und diese überlebenswichtigen drei Punkte sicherten.

Der Jubel nach dem Spiel zeigte, was dieser Sieg bedeutet, und macht Hoffnung, dass er wirklich etwas auslösen könnte. Allein die im TV gut eingefangene Szene, als Blessin und Neuhaus sich voller Entschlossenheit vor Freude anbrüllten, lässt einen die bislang völlig berechtigte Totengräberstimmung abschütteln. »Da war eine Mannschaft, die mit dem Arsch an der Wand stand. Aber sie hat über die Basics den Weg zurückgefunden«, sagte VfB-Coach Hoeneß über Borussia. Klar ist, dass dieser Überraschungserfolg nur ein erster Schritt war, aber in dieser Konstellation könnte es der Wendepunkt gewesen sein. »Es muss genauso weitergehen, wir können keinen Deut davon abgehen«, sagte Blessin zum Abschluss. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 


von Marc Basten

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