Borussia hat es in der eigenen Hand

»Gewachsen und reifer geworden«

von von Marc Basten, Jan van Leeuwen und Niklas Kirchhofer
Raffael trifft zum 3:0 (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Raffael trifft zum 3:0 (Foto: Norbert Jansen / Fohlenfoto)

Strahlende Gesichter im Borussia-Park nach dem 4:2-Sieg über den FC Sevilla. Nach dem fulminanten Spiel und dem ersten Dreier in der Königsklasse kann das ‚Abenteuer Europa‘ für Borussia weitergehen.

Jüngst ist die Vereinschronik von Borussia Mönchengladbach mit einem ‚Update‘ auf den Markt gekommen. Eigentlich könnten sich die Autoren gleich an die nächste Erweiterung machen, denn gestern Abend im Borussia-Park wurde Geschichte geschrieben. Der erste Sieg in der Champions League ist perfekt. Und es war nicht ein von Zufällen geprägter Glückssieg, sondern ein echter Triumph. Jetzt hat auch diese Generation erlebt, was es bedeutet, bei historischen Europacupnächten dabei zu sein.

»Ich muss meiner Mannschaft ein Riesenkompliment für ein unglaublich gutes Spiel machen«, sagte Trainer André Schubert. »Es war wirklich eine sehr, sehr gute Leistung in einem aufregenden und hochintensiven Spiel«.

Schuberts Team ging das Spiel sehr forsch an. »Von Anfang an haben wir gezeigt, was wir uns vorgenommen haben«, so Schubert. Die Ausrichtung beinhaltete gleichzeitig ein gehöriges Risiko, denn Sevilla vermochte sich mehrfach geschickt und brandgefährlich aus den Drucksituationen zu lösen. »Wenn du hoch presst, musst du eine gute Organisation haben«, weiß Schubert. »Das hat etwas gedauert, dann haben wir es in den Griff bekommen«.

Die Borussen agierten mit einem immensen Aufwand. »Wir haben einen unglaublichen Willen gezeigt«, lobte Yann Sommer. »Unser sehr gutes Gegenpressing stinkt den Gegnern. Natürlich läufst du gegen so eine Mannschaft wie Sevilla auch mal in einen Konter, aber das ist normal«.

Kontrollierter Ballbesitz, den Favre quasi in die Vereinssatzung aufnahm, war an diesem Abend kein Thema. Stattdessen gab es atemberaubenden Hochrisikofußball mit spektakulären Chancen auf beiden Seiten. Ein Fest – sofern wie an diesem Abend das Ergebnis stimmt.

»Es war eine große Mannschaftsleistung«, freute sich der überragende Lars Stindl. »Auch für mich war es ein besonderer Abend«, sagte der Doppeltorschütze. »Lars ist unglaublich intelligent und hat das Gespür für Räume«, adelte Max Eberl den Ex-Hannoveraner. Bleibt die Frage, ob Bundestrainer Löw den 27-Jährigen auch nach dieser starken Champions-League-Runde immer noch beharrlich ignorieren wird.

Derweil wird Josip Drmic in der Schweizer Nationalmannschaft regelmäßig eingesetzt, während er in Gladbach bislang nur eine Randerscheinung war. Gegen Sevilla wurde der Ex-Nürnberger früh für den angeschlagenen Traoré eingewechselt und spielte etwas überraschend auf der rechten Außenbahn.

»Lars und Raffael machen es vorne überragend gut, deshalb ist es schwer für Josip, dort vorne rein zu kommen«, erklärte André Schubert. Die Ausfälle von Herrmann und Hahn, sowie der auf der Außenbahn nicht überzeugende Hazard sorgten für Überlegungen, Drmic auf der Seite einzusetzen. »Wir haben das in den letzten zwei Wochen im Training vorbereitet«, so Schubert. »Josip braucht für sein Spiel Platz und das fällt manchmal über den Flügel leichter. Er gibt Vollgas und nimmt alles an, was wir besprechen«.

In der ungewohnten Rolle machte Drmic ein durchaus respektables Spiel. »Ich musste mich schon etwas umstellen, hatte aber schon Erfahrung auf der Position aus Zürich und Nürnberg«, sagte Drmic. »Josip hat sich als Vollprofi gezeigt und nicht die Flinte ins Korn geworfen. Jetzt sollte er dranbleiben«, forderte Max Eberl.

Auf den Rängen wurde der Einsatzwillen des bei einigen schon als Fehleinkauf abgestempelten Schweizers mit Wohlwollen gesehen. »Es ist schön, dass die Leute auf der Tribüne das registriert und ihn so unterstützt haben«, sagte Eberl. »Es ist ein super Gefühl, wenn die Fans so hinter dir stehen«, bedankte sich Drmic. »Es war für mich ein Schritt nach vorne«.

»An Josip wird Gladbach noch viel Freude haben«, unterstrich Yann Sommer. Gut möglich, dass Drmic auch am Samstag in Hoffenheim gefordert sein wird. Zwar scheint Ibo Traoré nicht schwerer verletzt zu sein, doch Schubert betonte nachdrücklich, dass man kein Risiko eingehen werde.

In zwei Wochen beim finalen Champions-League-Spiel in Manchester wird ‚Ibo‘ gebraucht. Die Konstellation vor dieser Partie ist klar: Gewinnt Sevilla gegen Juve, muss Borussia auch bei City gewinnen. Holt Juve in Sevilla den für den Gruppensieg benötigten Punkt, ist Borussia unabhängig vom Ergebnis in Manchester weiter. »Natürlich ist es gut, dass Juventus auch noch einen Punkt braucht«, sagte Max Eberl. »Aber wir schauen auf uns und wollen dort das bestmögliche Resultat holen. Wir haben es selbst in der Hand«.

»Wir müssen uns in Manchester nicht verstecken«, sagte Yann Sommer. »Wenn wir da mutig auftreten, wird es auch für City schwer. Wir haben Erfahrung gesammelt, da traut man sich mehr zu mit der Zeit. Insgesamt sind wir gewachsen und reifer geworden«.

»Wir können sehr stolz sein, nach diesem Sieg«, fasste Max Eberl die vorherrschende Gefühlslage zusammen. »Es ist stark, wie sich der Verein, die Mannschaft, in diese Champions-League-Saison gekämpft hat«. Und wie sie beim 4:2 über Sevilla Geschichte geschrieben hat: Mit einem echten Fußballfest, das seinen Platz in der nächsten Ergänzung der Vereinschronik sicher hat.

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