Enttäuschung und Trotz nach dem Europa-Aus

»Ein Ansporn für uns«

von von Marc Basten und Jan van Leeuwen
Nach der Pause wurde der Druck zu groß (Foto: Dirk Päffgen)

Nach der Pause wurde der Druck zu groß (Foto: Dirk Päffgen)

Kein Überwintern in Europa für Borussia Mönchengladbach. Beim 2:4 in Manchester platzten die Träume, gleichwohl zeigten die Borussen zumindest 45 Minuten lang eine sehr eindrucksvolle Vorstellung. Enttäuschung und Trotz waren die vorherrschenden Gemütszustände nach dem Abpfiff.

Die Ernüchterung nach den aufreibenden 90 Minuten von Manchester war nicht wegzudiskutieren, als die Gladbacher Borussen sich in den Katakomben des Etihad Stadiums den Medienvertretern stellten. Zu dicht waren sie dran am nächsten Überraschungscoup innerhalb von drei Tagen und der damit verbundenen Qualifikation für das Sechzehntelfinale der Europa League.

»Das ist schon ziemlich bitter, wie es gelaufen ist«, sagte Julian Korb, der sich zumindest rühmen darf, das erste Auswärtstor in der Champions-League-Geschichte von Borussia erzielt zu haben. »Ich hätte mein Tor gerne eingetauscht gegen einen Verbleib in der Europa League«.

Die Borussen legten in Manchester eine imposante erste Halbzeit aufs Parkett. »Ich musste mich kneifen«, gestand Max Eberl. »Eine Mannschaft auswärts so an die Wand zu spielen, die seit Jahren berechtigte Hoffnungen hat, die Champions League zu gewinnen, habe ich selten gesehen«. »Wir haben richtig guten Fußball gezeigt und uns immer wieder von hinten bis vors Tor rausgespielt«, bestätigte Julian Korb. »Das war stark in der ersten Halbzeit«, ergänzte Håvard Nordtveit.

Es war fraglos der Auftritt einer Spitzenmannschaft, den die Borussen in den ersten 45 Minuten hinlegten. Die verwöhnten Zuschauer in Manchester rieben sich verwundert die Augen ob der fußballerischen Dominanz des Gastes aus der Bundesliga. Leider änderte sich das mit Wiederanpfiff grundlegend.

»Manchester war doch sehr angestachelt davon, dass sie in der ersten Halbzeit relativ chancenlos waren«, meinte Max Eberl. »Wir haben den Druck sehr, sehr groß werden lassen und es nicht mehr geschafft, Ruhe auszustrahlen und Ballstaffetten auszuspielen«.

»Wir waren zu passiv und haben Fehler gemacht«, bestätigte Fabian Johnson. »Es waren keine gravierenden Fehler, aber wir hatten viele einfache Ballverluste. Danach war das irgendwie in den Köpfen drin, wir haben uns nur noch aufs Verteidigen beschränkt und sie haben ihre Qualitäten ins Spiel gebracht«.

»Wenn du Ballverluste im Spielaufbau und dann nur wenige Spieler hinter dem Ball hast, ist es gegen diese Klassespieler schwierig«, meinte André Schubert. »Insgesamt haben wir es als Mannschaft nicht mehr so gut verteidigt«.

Es rollte eine Angriffswelle nach der anderen auf Yann Sommer zu. Ein paar Mal konnten die Gladbacher fast mit dem Mut der Verzweiflung noch retten. »Leider ist dann irgendwann der Bann gebrochen«, sagte Max Eberl. »Das 2:2 fiel und gleichzeitig hat die Mannschaft erfahren, dass es 1:0 für Sevilla steht«. Granit Xhaka war unmittelbar nach dem Gegentor an der Bank, gab anschließend ein paar Anweisungen der Art ›alles nach vorne‹. Doch das ging schief, die Borussen wurden ausgekontert.

»Das dritte Gegentor würde ich diesem Zustand zuordnen«, sagte Eberl. »Da sind kurzzeitig die Klappen runtergegangen. Das 4:2 hinten heraus war dem Bemühen geschuldet, noch das 3:3 zu machen«.

»Klar ist das traurig, es waren nur noch zehn Minuten«, haderte Håvard Nordtveit. »Aber so ist Fußball. Ich denke, dass wir trotzdem stolz sein können«. »Wir hätten insgesamt deutlich mehr Punkte holen müssen«, sagte Julian Korb. »In einigen Spielen stimmten Punktzahl und Aufwand nicht überein. Deswegen ist es besonders ärgerlich. Doch ich glaube schon, dass wir uns bei den Gegnern Respekt erworben haben. Wir können einiges Positives daraus ziehen«.

»Wir haben nichts verloren, wir haben viel Erfahrung gewonnen«, sagte Max Eberl. »Wir sind einerseits enttäuscht, andererseits aber auch glücklich, dass wir einige sehr gute Spiele abliefern konnten«, meinte André Schubert. »Es ist Ansporn für uns, das in der Zukunft wieder zu erreichen«.

Wie der Trainer haben auch die Spieler ›Blut geleckt‹. »Momentan sind wir auf dem dritten Tabellenplatz und wir werden versuchen, so weit oben wie möglich zu landen«, sagte Julian Korb. »Wenn wir so spielen wie zuletzt, dann ist es realistisch. Lust haben wir auf jeden Fall: Es hat Spaß gemacht diese Champions-League-Saison«.

Daher heißt es jetzt für alle Gladbacher: Einmal kurz schütteln und dann weiter. Eberl: »Die Spieler sollen sich ärgern und enttäuscht sein - schließlich sind sie ehrgeizig. Aber sie werden es morgen oder übermorgen weggepackt haben und mit breiter Brust nach Leverkusen fahren«. Wobei nicht unterschätzt werden darf, dass einige Akteure mittlerweile physisch am Anschlag sind und der Fight in Manchester weitere Spuren hinterlassen hat.

»Es sieht aus wie in einem Lazarett«, schilderte André Schubert den Zustand in der Kabine nach dem Schlusspfiff. Besonders Fabian Johnson hat es erwischt. »Er hat einen bösen Schlag aufs Knie erhalten und dann noch einen am großen Zeh abbekommen«, erläuterte Schubert. »Der Nagel ist in Mitleidenschaft gezogen, er konnte nicht mehr richtig laufen«. Bleibt zu hoffen, dass es keine langwierige Sache wird.

»Wir müssen Manchester jetzt schnell abhaken und nach vorne schauen«, sagte Yann Sommer. »Am Samstag erwartet uns Leverkusen, das wird wieder ein schweres Spiel«. Das Kapitel europäischer Wettbewerb ist auch für den Keeper nur aufgeschoben: »Wir haben in Europa gezeigt, dass Borussia bereit ist für internationale Spiele«.

Was auch für Anhänger gilt, die in Manchester fantastischen Support lieferten. »Unsere Fans haben den Engländern gezeigt, wie man Stimmung macht«, lobte Sommer. Auf und neben dem Platz schreit es geradezu nach einer Fortsetzung in der nächsten Saison.

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